DAVE VAN SCHLOUCH http://dave.blogsport.de Fri, 14 Apr 2017 15:31:39 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Einparken mit Johanna http://dave.blogsport.de/2017/04/13/einparken-mit-johanna/ http://dave.blogsport.de/2017/04/13/einparken-mit-johanna/#comments Thu, 13 Apr 2017 16:01:06 +0000 admin Texte Kurzgeschichten http://dave.blogsport.de/2017/04/13/einparken-mit-johanna/ „Weiter, weiter, weiter!“. Bernd Fröhlichs Stimme war ruhig aber bestimmt, als er den Lamborghini in die winzig kleine Parklücke einwinkte. Seine Arme waren auseinandergebreitet, seine Handflächen senkrecht aufgestellt, seine Gedanken waren bei Johanna. Manchmal hatte sie ihn geliebt, manchmal hatte sie ihm völlig pampige Nachrichten geschrieben, so als habe er gerade einen Obdachlosen angezündet oder einem 6-jährigen Kind auf dem Weihnachtsmarkt eine schallende Ohrfeige gegeben. Das hatte er aber, soweit er sich erinnern konnte, nicht. Dann wären die pamigen Nachrichten ja vielleicht gerechtfertigt geween. Aber so kamen sie aus dem Nichts, einfach so, ohne dass er was dafür konnte. So glaubte Bernd Fröhlich jedenfalls. Aber Männer konnten immer was dafür, wenn Frauen unberechenbar reagierten. Liebe und Hass lagen nah beeinander, das war nicht nur in Afghanistan und Syrien so, sondern auch hier, in Oberhausen, Wermelskirchen und Castrop Rauxel. Und daran dachte Bernd, als er den viel zu teuren Wagen in die viel zu kleine Parklücke einwinkte. „Weiter, weiter, weiter“, sprach er behutsam. Dem Testosteron-Mutanten am Steuer kam seine Stimme bereit suspekt vor, weswegen er kurz das Rückwärtsfahren stoppte und misstrauisch aus dem Seitenfenster in Bernds Richtung sah. „Hab ich noch genug Platz?“, fragte der Muskelprotz, während er seine Sonnenbrille ohne Sehstärke von den Augen bis auf die Nase herunterzog. „Passt! Du hast noch genug Platz“, log Bernd den Berg aus harttrainiertem, aber sinnbefreitem Fleisch an. Eigentlich, so dachte sich Bernd, während seine Gedanken kurzzeitig von Johanna abwichen, eingentlich manövriere ich eine unnütze Fleischmasse hin und her. Das war ja schlimmer als im Schlachthaus. Da passierte wenigstens am Ende was mit dem manövrierten Fleisch. Andere Fleischberge aßen die verarbeitete Fleischmasse. Aber diese Fleischmasse hier, die Bernd in die Parklücke zwängen sollte, mit der passierte nix. Sie würde vermutlich überdurchschnittlich oft auf andere, nicht so aufgepumpte Fleischmassen einficken, ein paar Stangen mit Gwichten in die Luft recken und wieder absetzen. Dann würde sie irgendwann kurz darüber nachdenken, wofür sie dies alles getan hatte, dann wäre es aber bereits zu spät, weil die Fleischmasse Mitte 60 war und auf dem Bürgersteig vor einem veganen Burgerladen einen Herzinfarkt erleiden und zusammenbrechen würde. Die Wiederbelebung würde scheitern. Dann würde die Fleischmasse begraben und weg sein. Wer würde sich an sie erinnern? Vielleicht der fiktive Fitnestrainer Jürgen mit den Worten: „Hört mal alle her. Der Dennis ist tot. Der hat immer so toll die Gewichte hochgehoben. Das war ein feiner Kerl. Bitte behaltet ihn so im Gedächtnis wie er war.“ Dann würden sich alle angucken und nicht verstehen, wie das gemeint war. Dann würden sie selber wieder Gewichte hoch und runter heben. Das würde es dann gewesen sein.

„Bist du sicher, dass da noch genug Platz ist, man?“. Bernd zuckte zuammen, er war in seinen Gedanken wirklich weit von der Realität abgedriftet und sah nun in das fragende sonnenbebrillte rötlich-dumme Gesicht der hässlichen Hurensohns vor sich. Um ihn zu beruhigen verringerte er den Abstand seiner Arme. „Weiter, weiter, weiter“, sagte er in fürchsorglichem Tonfall. So fürsorglich wie eine Familienvater, der seinem 10-jährigen Sohn den Arsch vollhaut, weil er auf der Pfadfinderfreizeit einen anderen Jungen geküsst hatte. Das machte man nicht, andere Jungs küssen und auf Pfadfinderfreizeit fahren sowieso nicht. Was sollte die ganze Scheiße von wegen „eine gute Tat pro Tag“ eigentlich? Diese verpickelten Arschlöcher in ihren Pseudouniformen konnten nicht mal Dreisatz rechnen und dann glaubte man, dass sie tatsächlich über auch nur eine gute tat pro Tag nachdachten? Einer Rentnerin über die Straße hefen? Ein Stück Hundescheiße vom Bürgersteig aufheben und es fachgerecht entsorgen? Wohl kaum! Eher würden Putin und Donald Trump gemeinsam wilde Sexparys feiern. Wobei…. Wie dem auch war! Die Welt war schlecht. Das wusste Bernd bereits seit März 1992. Da hatte ihm mal jemand auf der Straße zwischen die Beine getreten, einfach so. Schon wieder einfach so, genau wie Johanna. Bernd verkleinerte seinen Armabstand erneut. Der Muskelberg hatte seinen Kopf wieder eingezogen und vertraute ihm augenscheinlich. Die goldenen Felgen rollten an. Langsam setzte er weiter zurück. Der Motor schnurrte wie ein schwuler Kater. Und Homosexualität war im Tierreich ja durchaus verbreitet und akzeptiert. Bernd hatte Videos aus dem Krüger Nationalpark gesehen. Da war ein schwules Löwenpärchen gewesen. Und die lebten schon lange zusammen. Immer wieder waren in großen Sätzen lachende Garzellen vorbeigesprungen und haten die Homo-Löwen ausgelacht. Das war nicht schön gewesen für die Könige des Tierreichs. Darum hatten einige Wilderer ein Eilgericht einberufen und die homophoben Lach-Garzellen zum Abschuss freigegeben. Zwei reiche Zahnärzte aus Gelsenkrichen durften die Tiere dann erlegen. Man hatte ihnen versprochen, dass sie das Elfenbein behalten dürften. Da Garzellen aber kein Elfenbein an sich tragen, vor allem keine homophoben Garzellen, waren die Zahnärzte wütend wieder nach Hause geafahren. Wenigsten die Milz der Garzellen hatten sie mitnehmen wollen, doch beim Boarding war das Blut aus dem Handgepäck getropft und die Zahnärzte waren zur Strafe – weil in Afrika ja andere Geetze gelten als hier – in der Wildnis ausgesetzt worden. Sie waren nackt gewesen und wenn die Aufzeichnungn eines Stammesführers stimmten, die einige dünne Ethnologen in Korthosen Jahre später fand, waren die zwei Zahnärzte sogar von den beiden schwulen Löwen aufgefressen worden.
All dies änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass Bernd immer noch sehr an Johanna hing. Er liebte sie, ja das konnte er so sagen. Doch hatte dies je auf Gegenseitigkeit beruht? Sie hatte ihm so oft die kalte Schulter gezeigt. Er hatte sie sich angeschaut und versucht, sie zu wärmen. Vergebens. Oder war er nur überdurchschnittlich erwartungsvoll und hätte sich damit zufrieden geben sollen?

Wie dem auch war, sie hatten sich in einem großen Knall getrennt. Es waren Teller, Tassen und Katzen geworfen worden. Dann war alles aus gewesen. „Ich gehe du Arschloch. Ich liebe dich, ich hasse dich aber auch. Du bist echt ein Wichser, hast aber auch gute Seiten an dir. Ich bin verrückt nach dir und will dir in die Fresse boxen du liebenswerter Hurensohn!“. Mit diesen Worten hatte Johanna ihn vor seiner Haustür stehengelassen, war in ein Taxi gestiegen und nach Koppenhagen gafahren. Da wollte sie schon immer mal shoppen gehen, hatte sie gesagt. Jetzt stand Bernd hier an der zu kleinen Parklücke, der Abstand zwischen seinen Armen war mittlerweile berohlich klein. „Geht noch?“, fragte es aus dem Seitenfenster. „Geht noch!“, antwortete Bernd fahrlässig. Er wollte sich nicht mit dem Auto beschäftigen, aber irgendwie war das Einwinken eine meditative Situation, in der sich seine Gedanken toll formen konnten. Das gelang ihm sonst nicht sonderlich oft. Er dachte an Johanna.

Dann knirschte es, wie wenn man mit tausend Gabeln über einen meterlangen Teller zieht, ein Geräusch wie tausend Höllenhunde, die kacken müssen. Es war von vorn herein klar gewesen, als der Typ in dem viel zu teuren Auto den gedankenverlorenen Bernd angehalten hatte und ihn gebeten hatte ihn einzuwinken: Das konnte nicht gut gehen. Gleich würde der Muskelmann sich besinnen und ihn in den Asphalt stampfen. Für einen Moment blieb Bernd stehen und erwartete seine gerechte Strafe. Er war bereit, für seine Fehler zu büßen. Dann überlegte er es sich anders, rannte weg und zeigte dem tobenden Fitnesstudiobesucher einen soliden Mittelfinger.

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Der Feind im Haus http://dave.blogsport.de/2017/03/19/der-feind-im-haus/ http://dave.blogsport.de/2017/03/19/der-feind-im-haus/#comments Sun, 19 Mar 2017 17:03:42 +0000 admin Texte Kurzgeschichten http://dave.blogsport.de/2017/03/19/der-feind-im-haus/ Bernd Sandström setzte vorsichtig einen Fuß vor den andern. Er ging so langsam die Treppe hinunter, weil er es den alten hölzernen Treppenstufen nicht erlauben wollte, zu knarzen. Dabei hätten sie so gern. Sie waren immerhin schön aus Eiche und alt, und alles was alt ist knarzt gerne. Das gilt für alte Ommas, alte Fahrräder und eben auch alte Häuser und deren alte Treppen. Aber hier und jetzt durften sie eben nicht knarzen, dachte Bernd, sonst würde er entdeckt werden. Er blieb kurz stehen und horchte angespannt in die Dunkelheit hinein. Er wusste längst, dass sich noch jemand im Haus befand und wählte seine Bewegungen mit Bedacht. Er stützte sich mit den Händen beim Abwärtsgehen an der Wand ab, um das Geländer aus dem schönen Eichenholz nicht zum Schreien zu bringen. Kurz dachte er an die weiße Tapete und überlegte, ob seine Hände eventuell Flecken darauf hinterlassen würden. Dann wunderte er sich, dass er in der jetzigen Situation über derlei Nichtigkeiten nachdachte. Unten im Wohnzimmer lief noch der Fernseher. Verdammt, fluchte Bernd, natürlich nur innerlich, denn er durfte ja keinen Laut von sich geben. Gefahr war im Verzug. Ein kurzer Stich, der sich hinterhältig langsam vom Darm ausgehend bis zum Kehlkopf durch seinen Mitte-40er-Körper schlängelte, überraschte Bernd auf einer der letzten Stufen. Schmerzverzerrt kniff er die Augen zusammen, bis das Übel nachliess. Das kam davon, wenn man nicht laut fluchte, sondern in sich hinein, je schlimmer die Worte waren, desto schmerzhafter wurde das innere Fluchen. Den Fernseher hatte er gestern Nacht vergessen auszuschalten. Eine seriöse Dokumentation über Nazi-UFOS hatte ihn dermaßen zur Weißglut getrieben, dass er aufs Klo gestolpert war, getränkt von mehreren Gläsern Whiskey, beraucht von einer halben Packung Ernte 23. Vom Klo aus war er irgendwie ins Bett geraten, ohne den flimmernden Schwachsinn zu beenden. Daher lief die Kiste noch immer. Er schaute in Richtung des Fernsehers, der in der Mitte des Raumes auf einem kleinen Tisch stand. Sehen konnte er ihn nicht, die Geräusche ließen jedoch vermuten, dass keine Nazi-Dokumentationen mehr liefen, sondern irgendwelche ähnlich gehaltvollen Zeichentrickserien. Bernd ärgerte sich über seine Vergesslichkeit, denn die Geräusche des Fernseher überlagerten mögliche Geräusche von der anderen Person. Keine guten Voraussetzungen, um zu erhorchen, wo sich der Eindringling befand. Sein rechter Fuß setzte nun langsam auf der untersten Treppenstufe auf und den linken manövrierte er gerade Richtung Erdenboden, als auf der Straße ein Motorrad vorbeiknatterte und das Wohnzimmer, das vor ihm lag durch die Fenster kurz in gleißendes Licht tauchte. Bernd verkrampfte sich und befürchtete von der anderen anwesenden Person vielleicht auf der Treppe erkannt worden zu sein. Daher verharrte er kurz, bevor er die Treppe hinter sich lassen konnte und kniff wie zuvor die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen. Nun stand er auf seinen leisen Sohlen und schlich langsam um sich schauend durch das Wohnzimmer in Richtung des Fernsehers. Auf der anderen Seite des Wohnzimmers lag direkt angrenzend die Küche und das war sein Ziel. Leise tapste er am Fernseher vorbei. Wenn ich ihn ausschalte, so dachte Bernd, wird die andere Person nur darauf aufmerksam, dass sich etwas verändert, dass ich also hier bin, nein ich schleiche weiter direkt in die Küche. Als Bernd die Küche betrat gab es noch keinen Hinweis darauf, dass er bemerkt worden war, aber er spürte die Anwesenheit seines Widersachers. Dann knallte es plötzlich. Bernd erschrak, er hatte gefurzt. Ärgerlich, dass das ausgerechnet jetzt passierte. Er wartete mit gesenktem Haupt darauf, dass sich sein Gegner nun aus der Dunkelheit irgendeiner unerwarteten Ecke lachend und voller Gewalt auf ihn stürzen würde. Voller Gewalt, weil er ihn so sehr hasste und lachend, weil Bernd sich durch einen Furz verraten hatte. Was für ein erbärmliches Ende dachte Bernd noch, mein Leben endet, weil ich aus Versehen gefurzt habe. Als seine schlimmsten Befürchtungen sich auch nach 5 Minuten ängstlichem Innehalten nicht bewahrheiteten, entspannte er sich. Allerdings entspannte er sich so sehr vor Erleichterung, dass er erneut furzte. Wieder hielt er kurz erschrocken inne. Das
hätte immer so weitergehen können, bis er beschloss, nicht mehr vor Entspannung zu furzen und so löste er das Bläh-Dilemma. Der kalte Stahl lag fest in seiner Hand, als er die Schublade mit dem Besteck wieder leise zuschob. Das Brotmesser war zwar stumpf, aber jetzt konnte er ruhig kommen, der Jüngling der in der Dunkelheit auf ihn lauerte. Mittlerweile war sich Bernd sicher, dass dieser all seine Schritte verfolgt hatte, von der Treppe über den Fernseher bis hin zur Küche und gleich würde er zuschlagen. Er öffnete langsam den Kühlschrank und bemerkte in genau diesem Moment eine Bewegung im Augenwinkel. Der Moment der Zurückhaltung und Verborgenheit war hinüber. Man hatte ihn entdeckt. Er riss die Butterschale und das Weißbrot aus dem Kühlschrank. Mit großen und schnellen Streichen schleuderte Bernd die Butter mit dem Messer auf das schlaffe Weißbrot. Links und rechts flogen die ranzigen Butterfetzen an ihm vorbei und aus seinem tiefsten Inneren heraus, dem emotionale Verwirrtheit, seelische Qual, und ungerechtfertigter Betrug durch das was er liebte, sehr bekannt war, war es ihm, als wolle er schreien. So laut, wie vor ihm noch nie jemand geschrien hatte. Nicht mal Ötzi, dem sich der Pfeil seiner Verfolger in seinen steinmenschlichen Arsch gebohrt hatte, hätte so laut schreien können. Ein kurzer Blick zu dem Schatten, der jetzt mit größer werdenden Sätzen auf ihn zu hastete, dann ließ Bernd Sandström den metallischen Untersteller für die Butter auf den Küchenboden fallen und ehe dieser aufschlug, hatte er schon den Burländer Käse aus dem Kühlschrank gezogen und in der Hand. Den Blick nach wie vor auf das hasserfüllte Gesicht des heranstürmenden Jünglings gerichtet, legte er fahrlässig, zwei, drei, vier Scheiben auf die völlig dahingesaute Butter. Mit nach vorne gestreckten Armen rannte der Junge nun schreiend auf Bernd zu und war schon über die Türschwelle der Küche hinüber, die Finger hasserfüllt zu Gewaltstummeln verkrümmt. Geistesgegenwärtig hielt Bernd ihm das Käsebrot entgegen und befürchtete von der Wucht des Aufpralls mit dem Angreifer in den Kühlschrank gerissen zu werden. Doch dieser bremste beim Anblick des ihm entgegengestreckten Käsebrotes abrupt ab, nahm es Bernd behutsam aus der Hand und sagte „Danke Papa. Ich bin mal in der Schule. Bis heute Nachmittag dann. Holst du mich vom Schwimmen ab?“.

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Der rote Knopf http://dave.blogsport.de/2017/03/19/der-rote-knopf/ http://dave.blogsport.de/2017/03/19/der-rote-knopf/#comments Sun, 19 Mar 2017 16:58:43 +0000 admin Texte Kurzgeschichten http://dave.blogsport.de/2017/03/19/der-rote-knopf/ Johannes Goldblum aß in seiner Mittagspause einen ziemlich unaufgeregten Nudelsalat. Seine Frau hatte ihm das zwar verboten, aber das war ihm egal. Außerdem war sie tot.
Was machte Herr Goldbum? Herr Goldblum Passte auf einen roten Knaopf auf. Er saß jetzt schon seit fast dreißig Jahren davor und passte auf. Worauf wusste er gar nicht so genau, aber er hinterfragte seine Arbeit auch nicht. Zwei Mal am Tag kam ein Offizier mit vielen bunten Orden an Brust und Schädel dekoriert in seinen kleinen Raum und sagte „Herr Goldblum. Alles in Ordnung?“. Dann sagte Herr Goldblum „Ja, alles in Ordnung hier soweit.“. „Sehr gut Herr Goldblum“ sagte dann der Offizier, fügte dann an „Sehr gut Goldblum, machen Sie wieter so. Sie leisten unserme Land einen großen Dienst“. Mehr passierte nicht. Irgendwann hatte ihn mal jemand gefragt, ob er sich auf eine wichtige Stelle bewerben wolle. Es würde gutes Geld gezahlt und man müsse nichts machen, hatte man ihm gesag, außer auf den roten Knopf aufyupassen.
Es hatte keine weiteren Bewerber gegeben. Man hatte ihm Fragen gestellt, und Goldblum hatte geantwortet. Irgendwas. „Wie groß sind sie?“. „Haben sie Geschwister?“. „In wen waren sie mal verliebt?“. „Was ist ihr Lieblingsfilm?“. „Warum“? “K;nnen Sie kochen?“ Goldblum hatte geatwortet, so gut er konnte, immer hatte er etwas gesagt, denn das war es, was seine Mutter ihm auf dem Totenbett noch gesagt hatte:
„Mein Sohn, wenn dich jemand fragt, dann antworte irgendetwas“. Dann war sie gestorben.
Goldblum floss eine Träne aus dem rechten Auge. Er dachte gern an seine Mutter. Bei der Beerdigung war niemand gewesen. Die Ärzte hatten gesagt „Wir können nichts mehr tun, wahrscheinlich“. Dann waren sie gegangen. Und dann war sie gestorben. Jetzt lag sie unter der Erde, ein paar Blumen waren fahrlässig auf das Grab geworfen worden. Goldblum hatte sie erst in eine Vase gesteckt, dann hatte er die Vase mit den Blumen angeguckt und in einen Mülleimer geschmissen, denn es waren keine Blumen von Herzen gewesen, sie waren scheiße und daher sollte sie nun der Mülleimer fressen, die scheiß Blumen. Der Friedhofsgärtner vernachlässigte seine Arbeit nach allen Regeln der Kunst. Er war ein Arschoch und kam seienr Arbeit nicht nach, wie es Arschlöcher häufig so tun.

Seine Mutter und seine Frau lagen unter der Erde und Goldblum saß auf einem Stuhl vor einem roten Knopf. Dieser blinkte, alle zwei Sekunden blinke er kurz rot auf. Seit Jahren. Goldbluhm dreht sich auf seinem Stuhl leicht nach recht sund sah den rotne Knopf von der Seite an. Er war auf einem großen Pult angebracht. Zehn mal hundert Meter. Oben recht stand die Uhrzeit oben links die Temperatur und in der Mitte der blinkende Knopf.

Goldblum hatte den Nudelsalat gerade aufgegessen und fragte sich warum sich überhaupt jemand die Mühe gemacht hatte ein hundertstel Tomaten Stück zwischen die seibrigen Nudeln zu schieben. Wahrscheinlich, damit es den Anschein machte, der im schlechten Olivenöl schwimmende Nudelhaufen wäre gesund. Versetzt mit Vitaminen. Vielleicht bekam man ja einen längeren Penis davon. Er sah kurz nach. Nein. Alles beim Alten. Kurz, verschrumpelt, aber voller Liebe. Ein Stengel, der sich gewaschen hatte. Nur eingesetzt werden, das ging schon lange nicht mehr.

Goldblum rief in der Kantine an und fragte, warum der Nudelsalat, den ihm der Offizier vor drei Stunden vorbeigebracht hatte, so scheiße aussah. Eine unerotische Frauenstimme sagte der Nudelsalat sei äußerst gesund und überhaupt gar nicht scheiße. Da solle er lieber noch mal genau hingucken. Ein Bauer aus der Umgebng habe ihn selbst gemacht, auf dem Feld. Mit einer Hand, die andere habe er im Krieg verloren, überhaupt bestelle man nur bei behinderten Bauern. Der Nudelsalat sei also von diesem einarmigen Bauern mit Downsyndrom zwischen gesunden Kühen und einem Schwien aus Ägypten hergestellt worden. Und auch dieses Schwein sei sehr glücklich und hätte bei der Überfahrt aus Ägypten nur einmal gekotzt. Aber das sei auch nicht viel gewesen und jetzt sei das Schwein glücklich und habe sich auch schon seit Monaten nicht mehr übergeben müssen. Goldblum glaubte der Frau am Telefon. Sie klang vertrauenswürdig. Jemand der in der Kantine arbeitet konnte nicht lügen.

Goldblum schaute oben in die Ecke des fensterlosen Raumes. Grauer Beton versprühte ein Gefühl von Jugend und Frohsinn. Seine Sinne tanzten, als zwei Staubflocken im Walzerschritt von der Decke herabrieselten und in einem innigen Tanz des Verfalls vereinigt eine Spinne aus dem Gleichgewicht zu bringne drohten, die mit ihren sieben Ärmchen rundernd verzweifelt nach dem Staubduett schnappte. Ihr Netz vibrierte und unerreicht des Staubes zog sie sich beleidig in ihr Netz zurück und kaute auf dem vier wochen alten Bein einer Eintagsfliege herum. Es war ein Naturschauspiel, wie es im Krüger Nationalpark nicht dramatischer beobachtet hätte werden können. Nur kostete das da Geld.

Goldbluhm drehte sich – erschöpft von der Dramatik und der Gewalt und Rohheit der Natur – zurück in seine Ausgangsposition und beobachtete zwei weitere Stunden wortlos den blinkenden roten Knopf. An, aus, an, aus, an aus. Zwischendurch fasste er mit dem Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand die Kniescheibe seines linken Beins und schob sie leicht hin und her, weil er nicht wusste was er sonst tun sollte. Er tat das eine ganze Weil und merkte erst als ein stechender Schmerz einsetzte, dass er sich die Kniescheibe bis fast in die Höhe seines Bauchnabels geschoben hatte. Schnell schob er sie zurück und dreht sich ängstlich zur Tür um. Wenn das der Offizier sah, würde er sicherlich gefeuert, denn, dass jemand den roten Knopf bewachen durfte, der eine Kniescheibe im Bauchnabel stekcen hatte, das hatte er nun wirklich noch nicht gehört.

„Feierabend Goldblum“. Die schnarrende Stimme aus dem Reichslautsprecher an der Decke kam immer wieder überraschend. Goldblum nahm den Hörer vom Telefonapprillo hinter sich ab, der ihn mit irgendwem verband, der mehr zu sagen hatte als er. Mehr wusste Goldblum nicht, mehr wollte er nicht wissen, mehr würde er niemals erfahren Als jemand am anderen Ende abnahm, sagte Goldblum „Ich mache noch was länger. Überstunden. Kein Problem.“. „Ach Goldblum, sie sollen doch nicht“, erwiederte eine hohe Männerstimme. „Nein, nein, ich tus ja gern. Kein Problem. Ich bleibe noch. Es ist mir wichtig“. „Ach Goldblum, na gut, aber machen Sie nicht zu lange“. Klick, tut, Telefon aus.
So ging das schon seit Jahren. Immer versuchte jamend ihn davon zu überzeugen Feierabend zu machen, aber was wäre, wenn dann jemand anders käme und auf den Knopf aufpassen würde. Wenn er nur einmal sgaen würde „Ja ist gut, ich gehe nach Hause“: Wer weiß, ob das nicht als Zeichen der Schwäche gesehen würde. Dann wäre er sienen Job los, mit einem mal, weil wer anders besser auf den roten Knopf aufgepasst hatte. Goldblum bekam einen feuerroten Schädel, als er daran dachte. „Ha“ sagte er kurz. „SO einfach geht’s nun nicht!“. „Ich bleibe, da kann der Chef oder wer auch immer sich schwarz ärgern, ich mache Überstunden“. Aber Goldblum machte eben nicht nur Überstunden, er machte Übermonate und Überjahre. Immer wieder brachte man ihm Wechselklamotten, eine saubere Unterhose, einen Strumpf oder auch mal einen Schal im Winter, dann Pommes und Suppe, im Frühling reichte der Offizier ihm manchmal ein Gänseblüchen, im Winter kam er rein undwarf ihm einen Schneeball an den Kopf, im Herbst fand Goldblum manchmal ein goldgelbes Blatt im Raum, das reichte ihm. Was wollte er mehr, manchmal roch es sogar nach Luft, manchmal nach Kot, dann kam wieder wer und brachte neue Unterhosen. Alles paletti. Die Natur lebte.

„Ich bleibe hier“, seufzte Goldblum zufrieden und sah auf den Knopf, auf seinen Knopf. Den würde ihm niemand nehmen. Kürzlich hatte es wohl Streit gegeben mit Nordkorea, das hatte Goldblum gehört, als der Offizier wieder fragte „Und alles in Ordnung mit dem roten blinkenden Knopf Goldblum?“. Da hatte die Tür offen gestanden und im Hintergrund huschten aufgeregt Leute vorbei. Da hatte wer was von dem verrückten Diktator erzählt und dass alles ganz schlimm würde. Der Offizier hatte nur gelächelt und als er Goldblums zögerndes Zucken am Sack bemerkte gefragt „Alles in Ordnung, lieber Herr Goldblum?“. „Alles in Ordnung soweit“, hatte Goldblum zwar gesagt, doch sein Sack zuckte noch weitere fünf Minuten.

Goldblum erwachte, er war kurz eingenickt, das war ihm ja schon sein Wochen nicht mehr passiert. Zum Glück hatte er den Wachomat angestellt. Das war ein Kasten vor ihm, aus dem eine Stahlhand hervorfuhr und ihm in die Fresse boxte, zehn mal, dann noch zehn mal. Das tat ultrabrutal weh, aber so konnte er besser auf den roten Knof achten. Er war gerade wieder dabei die Spinne zu suchen, als die Tür sich öffnete, schneller als sonst, Goldbluhm drehte sich um. Vor ihm stand der Offizier, der ihn seit Jahren besuchte, doch neben ihm stand noch ein Offizier, der hatte nicht nur 204 Orden, wie der der andere sondern 205, das hatte Golblum beim Herinkommen direkt gesehen. E swar also wichtig. Die zwei sahen ihm ernst ins Gesicht hinein und fast hindurch. Dann sagte der Offizier, den er kannte. „Drücken Sie den Knopf Goldblum. Drücken Sie den Knopf“.

Goldblum schoss das Blut in den Schädel. Was hatte der irre Soldat da gesagt? Den Knopf drücken? Aber seine Aufabe war es doch, den Knopf zu beobachten. „Aber Sir? Ich…der Knopf…was wird denn dann aus mir?“, stammelte er in einem Anflug von Panik und Durchfall. „Drücken Sie den Knof Goldblum!“, schrie nun der Offizier, der andere schrie direkt hinterher „Los, sonst ist es zu spät“. Goldblum merkte, dass die beiden zu schwitzen begannen, doch er wusste auch, dass nur er den Knopf drücken konnte. Was war, wenn er ihn drückte, dann war er arbeitslos, wie die ganzen Leute in Sachsen, dann musste er Busse voller Flüchtlinge anschreien und mit seinen Kumpels die Songs der WaffenSS singen, aber die kannte er ja gar nicht und außerdem konnte er auch nicht singen. Also nein, diesen Knopf konnte er nicht drücken. Die zwei Offiziere schwitzen und schauten einander ratlos an. „Goldblum, ich befehel ihnen den roten blikendne Knopf zu drücken, los!“, schrie nun der altbekannte Offizier. „Was wird dann aus mir?“ weinte Blumberg nun fast, er konnte dem Druck kaum Stand halten. Einer der Offiziere griff nach seinem Pistolenhalfter. Draußen hörte Blumberg Sirenen heulen. „Los“, schrie der Offizier und zog seine Waffe, richtetete sie auf Goldblum. „Los!“ wiederholte er. Die Alternativen waren scheiße, Goldblum legte langsam die Hand auf den roten Knopf, seinen Knopf. Sein Leben. Was würde passieren? Sie teilten sich so viel, der Knopf und er. Die Offizeire nickten ihm zu, „Ja Goldblum, gut, machen Sie schon“. Im Hintergrund hörtGoldblum lautes Grollen, waren das Granateneinschläge? „Blitte Goldblum, tun sie es! Es geht um unsere Zukunft!“, flehte nun der neue Offizeir, Goldblum sah den beiden von einem ins andere Auge immer abwechselnd, dann fiel das Licht aus. Die Sirenen wurden lauter, heulten um die Wette, irgendwo fluchte jemand „Scheieß, mein Fahrrad steht noch da draußen. Sagen sie dme Praktikanten, er soll es reinholen“. Dann knallte e szwei mal laut und der Druck seiner Hand wurde stärker. „Bitte Goldblum“, höre er noch die erstickende Stimme des einen, dann entschied er sich.

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Der Obstkuchen http://dave.blogsport.de/2015/08/06/der-obstkuchen/ http://dave.blogsport.de/2015/08/06/der-obstkuchen/#comments Thu, 06 Aug 2015 15:55:57 +0000 admin Texte Fiktive Erlebnisberichte http://dave.blogsport.de/2015/08/06/der-obstkuchen/ Der Kuchen schmeckte nicht. Es war ein mehrere Tage alter Obstkuchen. Das konnten meine ungeschulten Geschmacksknospen trotz ihrer Abnutzungserscheinungen wahrnehmen. Die Obst-Auswahl, die sich auf dem bröseligen Teigfundament zwischen hart gewordener Gelantine quetschte war nicht mal kreativ. Nicht unsinnig aber auch eben auch nicht sonderlich einfallsreich. Die Kiwi kribbelte bereits auf der Zunge, immer wenn sie daran stieß. Die Erdbeeren schmeckten nach Nichts, der Apfel schmeckte wie zusammengepresstes Mehl und der Pfirsich, als hätte man ihn nach einer jahrelangen Weltreise auf den Kuchen gelegt. Ich versuchte nicht zu kauen, sondern den ganzen Bissen in einem herunterzuschlucken, damit ich nicht auf den fade schmeckenden, außerplanmäßig alkoholisierten Früchten herumbeißen musste. Bei diesem Unterfangen verschluckte ich mich und hustete ein paar in sich zusammengefallene Johannisbeeren in die Vogelservierte, die ich gerade noch rechtzeitig hochreißen konnte. Sonst hätte Joachim alles abbekommen. Er saß mir gegenüber auf seinem Balkon an dem dreibeinigen kleinen Tisch und stocherte mit einer zu kleinen Gabel in der Obstkuchen-Mischpoke herum. Auch ihm war vermutlich aufgefallen, dass er sich in der Bäckerei ziemlichen Mist hatte andrehen lassen. Das allerdings war sein geringsten Problem.

Er hatte Frauenprobleme und darum war ich hier. Darum saßen wir auf seinem Balkon. Darum hatte Joachim die dreckige Decke nur fahrlässig über den Tisch geworfen, an dem wir betrübt daniederhockten und mit zu kleinen Gabeln auf ekelhaften Obstkuchen einhackten. Darum verloren wir kein Wort über das schöne Wetter. Der Blick in den Hinterhof war ebenso traurig wie Joachims hochgezogene und sich vor lauter Trauer in der Mitte der Stirn beinahe treffenden Augenbrauen. Da er gerade schwieg, schaute ich hinab in die Hinterhoftristesse. Hierher würde sich niemals jemand verirren, der nicht unbedingt herwollte. Ein Fahrrad mit plattem Vorderreifen lehnte an der arschgrauen Wand gegenüber, der Hinterreifen fehlte komplett. Auf dem Lenker saß eine Amsel, der es so langweilig war, dass sie sich die Zeit damit vertrieb leicht auf die verrostete Fahrradklingel zu picken. Die Fenster in der Hauswand waren dermaßen klein, dass man vielleicht gerade mit einem Auge durchschauen konnte. Dunkle Wohnungen, dunkle Gemüter. Drei weiße Plastikklappstühle lehnten unkoordiniert an einer kranken Birke. Es war der einzige Baum im Hinterhof. Und der war auch noch krank. Zumindest sah er so aus. Toll.

„Ich weiß nicht was ich machen soll. Ich will nie wieder eine andere Frau. Die Vorstellung, dass sie jetzt mit jemand anderem zusammen ist macht mich fertig. Jetzt sitze ich hier und picke in diesem scheiß Obstkuchen rum, während sie wahrscheinlich mit irgendwelchen Arschlöchern gemütlich und scherzend im Café sitzt. Was soll ich machen? Was?“ Mit einem Mal riss es meinen Blick von dem traurigen Hinterhof zurück auf meinen traurigen Freund Joachim. Was rät man jemandem in einer solchen Situation? Seine Freundin hatte ihn nach 5 Jahren verlassen und war aus der Wohnung abgehauen. Bei ihrer nächtlichen Flucht hatte sie Joachim gesagt „Ich liebe dich nicht mehr. Ich brauche was Neues. Immer diese Langeweile. Ich kann nicht mehr. Tschüss“. Also was sollte ich sagen zu so einem uninspirierten Abgang? Ich wusste, dass Joachim schnell anfing zu weinen und das wollte ich um jeden Preis verhindern. Würde ich sagen: „Vergiss die blöde Sau“, würde er mir sagen, dass sie keine blöde Sau war, sondern eine super Frau und dann würde er weinen. Würde ich sagen: „Sie war toll aber du musst sie vergessen“, würde er mir sagen, dass sie eine blöde Sau war und er sie aber trotzdem nie vergessen könne, trotz ihrer Makel. Dann würde er weinen. Ich versuchte es also über einen Umweg.

„Zieh doch einfach von hier weg. Der Hinterhof, all das zieht dich runter. Starte neu durch, woanders“. Das war zwar nicht sonderlich tiefgründig aber ich hatte die Hoffnung, dass es immerhin so oberflächlich war, dass Joachim nicht anfangen musste zu weinen….Er guckte nicht von seinem Teller auf…und…fing an zu weinen. Jetzt ließ auch ich meinen Kopf von der Niederlage erschüttert, hängen. Dicke Tränen kullerten auf Joachims Obstkuchen und setzten das ekelhafte Scheißgebäck unter Wasser. „Dieser scheiß Kuchen“ schluchzte er nun. „Wenn wenigstens der Kuchen gut wäre. Ich kaufe ihn schon seit Jahren in der selben Bäckerei. Sabine fand den immer so lecker“ stammelte er noch, bevor er endgültig die Fassung verlor und sein Gesicht tief in den vollgeheulten scheiß Kuchen drückte, von dem ich immer mehr vermutete, dass er Joachim den ganzen Ärger vielleicht erst eingebrockt hatte. Als ich nach oben schaute und ihn ansah, hob auch er seinen Blick und schaute mich mit rot-wässrigen Augen an. Ein Stück Gelantine klebte an seiner Nasenspitze. „Du hast Gelantine an der Nase“ sagte ich verhalten schmunzelnd, in der Hoffnung, den Regenwurmhauch einer Erheiterung in ihn zu blasen. „Danke. Danke dir. Danke, dass du auch hier bist.“ Ich erkannte erstmals an diesem Nachmittag, hier an diesem kleinen Tisch mit der dreckigen Decke, den kleinen Gabeln und dem ekelhaften Obstkuchen vor uns einen Funken Erleichterung in Joachims Blick. Vorsichtig rückte Joachim seinen Stuhl nach hinten und stand auf. „Ich geh mal aufs Klo“ sagte er und drückte sich an mir vorbei durch die Balkontür ins Innere. In dem flüchtigen Blick, den er mir zuwarf, während er mich passierte, meinte ich eine Mischung aus Dankbarkeit und dem Bedürfnis zu erkennen, aufs Klo zu müssen.

Irgendwo bellte ein Hund. Die Sonne hatte sich verzogen und eine graue Wolkendecke schob den blauen Himmel nach und nach beiseite. Ich blickte wieder hinab in den Hinterhof. Um die drei weißen Klappstühle, die am Baum lehnten, lief eine gurrende Taube herum. Sie suchte ein Korn oder einen Freund mit dem sie gemeinsam um die Klappstühle herumlaufen hätte können. Aber sie war allein. Irgendwo, hinter einer der schäbigen Gardinen, die rings um uns vor die zu kleinen Fenster gespannt waren, sehnte sich mit Sicherheit ein in Feinrip-Hemd gepresster Vollalki danach das Luftgewehr auf sie anzulegen. Dann würde er mit einem Auge durch das winzige Fenster zielen. Ich war einer der wenigen Menschen, die ich kannte, der Tauben mochte. Eigentlich war ich der einzige Mensch, den ich kannte, der Tauben mochte. Ich hielt es für Unrecht. Immerhin waren Tauben in zahlreichen Kulturen Symbole für Frieden, Liebe, Treue. Treue. Ich zündete eine Zigarette an, Joachim schien länger auf dem Klo zu bleiben und ich wollte es ihm auch nicht übel nehmen. Vielleicht sprach er sich mit dem Spiegel aus. Oder er hatte den scheiß Obstkuchen nicht vertragen. Warum sollte man es auch jemand übel nehmen, wenn er aufs Klo musste? Mir fiel spontan keine Situation ein, in der es gerechtfertigt gewesen wäre.

Ich aschte in einen von Joachims Plastikblumenkübeln. Verkümmerte Zweigchen hatten sich aus der Blumenerde ans Tageslicht gezittert und fühlten sich hier sichtlich unwohl. Wer hätte es ihnen verübeln können? Was sie darstellen sollten, war mir ein Rätsel. Ein weiteres trauriges Puzzelteil auf Joachims traurigem Balkon. Nach wenigen Zügen drückte ich die Zigarette in der Blumenerde aus. Ich hörte nicht auf zu drücken, bis der Rauchstengel komplett in der Erde verschwunden war. Joachim kam zurück. Er schlappt mit gesenktem Blick an mir vorbei und ließ sich auf den Stuhl sacken, dann hob er den Kopf und sah mich an. „Diese Gedanken, diese lange Zeit. Ich wache jeden Morgen auf und würde am Liebsten wieder einschlafen.“ Er senkte seinen Blick und ich sah, dass er den Tränen erneut verdächtig nah war.

Ich setzte alles auf eine Karte. Ich war kein Psychologe aber ich wusste, dass man kritischen Situationen in manchen Fällen mit schwachsinnigem Verhalten entgehen konnte. Es gab kein Drumherum mehr. Entweder machten wir jetzt etwas Außergewöhnliches, oder wir würden in zwei Tagen wieder heulend über altem ekelhaftem Obstkuchen hocken. Mein Entschluss war gefallen. Ich stand auf. „Der Obstkuchen ist scheiße Joachim“ sagte ich. Er sah mich mit etwas Erstaunen an und sagte nach kurzer Pause. „Du hast Recht. Es ist der beschissenste Obstkuchen, den ich je gegessen habe.“ „Weißt du, was wir jetzt machen Joachim? Wir schmeißen den scheiß Obstkuchen jetzt in diesen traurigen Hinterhof. Vielleicht freut sich wenigstens die Taube darüber. Kann sie sich ja mit Sabine teilen.“ Ohne auf seine Antwort zu warten nahm ich das angebissene Stück klebrigen Obstkuchen von meinem Teller und warf es so weit ich konnte in den Hinterhof hinein. Ungefähr fünf Meter neben dem kaputten Fahrrad schlug es auf. Kiwi, Apfel und Pfirsich spritzten in alle Richtungen. Joachim strahlte. „Scheiß Erinnerungen. Diese dämliche Kuh. Soll sie an dem scheiß Obstkuchen ersticken. Hier!“ und mit diesem Satz schmiss auch Joachim sein Stück Obstkuchen in den Hof. Es flog weiter als meins, klatschte gegen den Baum und explodierte in seine Einzelteile. Erschrocken flog die Taube, die den Flug des ersten Stückes noch unterinteressiert beobachtet hatte, auf ein Hausdach und guckte uns irritiert an. Joachim stieß einen leisen freudigen Gluckser aus. Nach einiger Observation flatterte die Taube zurück und pickte wesentlich motivierter auf das fiese Gebäck ein, als wir es je getan hatten. Ich legte den Arm um Joachim und wir sahen uns die skurril anmutende Szenerie noch eine Weile an, bevor wir uns hemmungslos mit Schnaps betranken.

Der Nachmittag, an dem wir nebeneinander standen und ekelhaften Obstkuchen in den traurigen Hinterhof warfen, prägte unsere Freundschaft nachhaltig. Wir wiederholten das Prozedere noch einige Male, bevor Joachim aus der Wohnung auszog. Aber es erreichte nie die Perfektion, wie an dem einen ersten Nachmittag.

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X-Faktor (Die Auflösung) http://dave.blogsport.de/2015/07/16/x-faktor-die-aufloesung/ http://dave.blogsport.de/2015/07/16/x-faktor-die-aufloesung/#comments Thu, 16 Jul 2015 20:47:14 +0000 admin Texte unkategorisierbar http://dave.blogsport.de/2015/07/16/x-faktor-die-aufloesung/ 1. Was hat es mit der Geschichte auf sich, bei der ein kleiner Junge sein Fahrrad an eine Laterne lehnt und es vergisst abzuschließen? Am nächsten Tag war es spurlos verschwunden. Einfach so! Kann das wirklich sein? Ist so etwas möglich oder haben wir Sie hier an der Nase herumgeführt? – Nein, tut mir leid, diesmal muss ich Sie enttäuschen. Die Geschichte entspringt allein unserer Fantasie.
Ein Würfel hat vier Seiten. Wenn wir ihn werfen, wissen wir nicht, was passiert. Wir können zwar raten, aber letztlich sind wir doch auf das Prinzip Zufall angewisen. Oder etwa doch nicht? Gibt es Menschen, die ihr Schicksal steuern können oder sind es alles Hochstapler, die uns umgeben? Was ist dran an dem Hütchenspieler, der uns auf der Straße anspricht und uns zum Spiel des Lebens auffordert? Nun aber zu etwas ganz anderem…
2. Erinnern Sie sich an unsere zweite Geschichte? John Patterson verirrte sich im Wald. Als er eine Woche später wieder zu hause auftaucht, ist er verwirrt und erzählt seiner Familie eine unglaubliche Geschichte. Als er am Fluss angelte, schoss plötzlich ein UFO aus dem Wasser, in der Steuerkuppel erkannte er Bigfoot, der das Flugobjekt steuerte und ihn entführte. Hat es diese Geschichte wirklich gegeben? Hat ein drei Meter großes Fabel-Wesen aus einem UFO John wirklich entführt und Experiemente an seinem Hodensack vorgenommen? Oder haben wir Sie hier nur an der Nase herumgeführt? – So unglaublich es klingen mag, aber so ähnlich hat es sich tatsächlich zugetragen.
Sehen Sie diese Schaukel hier? Ich kann sie nach hinten ziehen und loslassen oder sie nach vorne hin anstoßen. Der Effekt ist der gleiche. In beiden Fällen schaukelt die Schaukel. So ähnlich verhält es sich auch mit der Menschlichen Seele. Ein fragiles Gebilde. Sie lässt sich ziehen und stoßen. Doch wie sehr können wir unsere Seele steuern? Können wir sie Dinge tun lassen, die viel tiefer dringen, als wir es uns vorstellen können? Können wir gar unsere Seele in andere Menschen transportieren und dort für Chaos und Zerstörung sorgen? Nun, das werden wir wohl nie erfahren aber in unserer nächsten Geschichte gibt es eine Lösung!
3. Kommen wir nun zu unserer dritten Geschichte. Was war mit der Frau, die ihre Nachbarin beschuldigte, eine Gabel aus ihrem Besteckkasten gestohlen zu haben? Sie ließ sich nicht von ihrerer Meinung abbringen. Am Ende kam die reumütige Nachbarin tatsächlich auf sie zu und gab zu, die Gabel gestohlen zu haben. Kann es einen solch merwürdigen Fall wirklich gegeben haben? – Falsch gedacht. Da haben wir Sie aufs Glatteis geführt. Das ist dann doch etwas zu absurd. Einen solchen Fall hat es nie gegeben!
Das Leben hat viele Facetten. Manche sind ganz klar. Gehe ich zum Beispiel zu einer Tankstelle, kann ich dort tanken. Ich kann auch einfach wieder nach hause fahren ohne zu tanken. Gehe ich in einen Supermarkt, kann ich dort einen Schokoriegel kaufen. Ich kann ihn später auspacken und essen. Sehen Sie: Hier ein Schokoriegel. Ich mache die Verpackung ab und *mpf, mpf* esse ihn einfach auf. Lecker! Tanken war ich auch vorhin, bin aber ohne zu bezahlen nach hause gefahren – meine Entscheidung. Es gibt aber auch Bereiche im Leben, die sind nicht so klar. Zum Beispiel dieses Sparschwein hier. Ich kann mit einem Hammer daraufhauen *zack* ohne zu wissen was darin ist. 100 Dollar? Tausend? Ich weiß es einfach nicht, es liegt nicht in meiner Macht. Was aber, wenn wir diese Macht nun doch besäßen? Darum ging es in unserer vierten Geschichte.
4. Unsere vierte Geschichte führte uns in eine kleine entlegene Gemeinde. Erinnern Sie sich? An einem Sonntag schlugen die Kirchenglocken und die Gemeinde versammelte sich in der Kirche und wollte gemeinsam Messe feiern. Der Pfarrer stieg auf die Kanzel und hielt seine Predigt. Als das Ende der Messe gekommen war und er das Vater Unser sprechen wollte, stimmte plötzlich die ganze Gemeinde mit ein und sprach die Worte wie aus einem Munde mit. Kann es so etwas wirklich geben? Können Menschen solch überirdische Fähigkeiten besitzen und die Worte eines anderen erahnen? Oder haben wir mit dieser Geschichte vielleicht doch etwas zu sehr übertrieben? – Nein, das haben wir nicht! So hat es sich tatsächlich zugetragen. Noch heute sprechen die Nachfahren der Bürger von damals über dieses merwürdige Ereignis. Es lässt sich eben nicht alles mit reinem Pragmatismus erklären!

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01.04. – Köln Ehrenfeld http://dave.blogsport.de/2015/03/19/01-04-koeln-ehrenfeld/ http://dave.blogsport.de/2015/03/19/01-04-koeln-ehrenfeld/#comments Thu, 19 Mar 2015 17:14:49 +0000 admin Texte Termine http://dave.blogsport.de/2015/03/19/01-04-koeln-ehrenfeld/ Alle Infos:

https://www.facebook.com/events/1303209376424229/

http://www.resistance-ehrenfeld.de/

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Tobias kauft Fanta http://dave.blogsport.de/2013/01/14/tobias-kauft-fanta/ http://dave.blogsport.de/2013/01/14/tobias-kauft-fanta/#comments Mon, 14 Jan 2013 11:36:36 +0000 admin Texte Fiktive Erlebnisberichte http://dave.blogsport.de/2013/01/14/tobias-kauft-fanta/ Tobias kauft Fanta. Seine Freunde nennen ihn „Tobi den Fetten“. Ob das außerhalb der Einkaufsschlange hier bei Kaisers auch so ist wage ich zu vermuten. Bernd kauft Cherrycola, Sofie kauft Hanuta, 10er Packung, Jens kauft Currywurst Chips, Hans kauft Fanta, Birte kauft eine 5er Packung Bounty, Dennis kauft Oreo Kekse. Endlich ist die alte Dame an der Reihe, sie kauft eine kleine Dose getrockneten Koriander für den Apfelkuchen, dessen Rezept ihre Enkel so lieben. Wenn die Schlange sich weiter so anstaut, bleibt nur zu hoffen, dass ihre Enkel nochmal in den Genuss des Apfelkuchens mit Koriander kommen.
Denn: Jonas kauft Kekse mit Marmelade, Andreas kauft Fanta, Naomi kauft gleich eine ganze Tüte Zucker und macht sich nicht den Aufwand, sich zwischen den ganzen Süßigkeiten entscheiden zu müssen, Hauptsache Zucker, Remi kauft ein Ei. Ein Ei? Nichts Süßes? Dabei gehört sie doch auch zu einer der 10 Schulklassen, die die Frau an der Kasse penetrieren.Ah, es sind Zuckereier, die Remi kauft. Ist ja auch schon fast wieder Ostern, jedenfalls Mai. Beinahe nicht erkannt die Eier. Haha. Ist ja eigentlich ganz lustig hier, gleich bin ich ja dran.
Gabi kauft…nix, Gabi hat was vergessen und geht nochmal kurz zurück. Glücklicherweise hat die debile Kassiererin Geduld, sie ist bestimmt über 70 und sieht ihren Lebensabend übers Fließband ziehen. Irgendwann wird sie zum letzen Mal den Piepton von irgendetwas zu hören bekommen, wahrscheinlich von etwas Süßem, vermutlich von Fanta, dann wird sie sich zur Ruhe legen, zur letzten Ruhe und über das ewige Supermarktfließband zu den Ahnen fahren.
Volker kauft eine Dose Eistee, Klara kauft einen Joghurt, hat aber keinen Löffel, alle lachen. Außer Gabi, die ist immer noch nicht zurück, ah da kommt sie ja, Gabi kauft eine Tüte blaue Schlümpfe, muss sich aber Geld bei Jonas leihen, weil sie sich schon in der Schule zu viel Kakao gekauft hat. Sie ist dick und der Kakao scheint bei ihr unverarbeitet in die Gefäße und Gesäße zu dringen. Es sieht so aus, als hätte sie zwei oder drei davon. Mein Gott, schaue ich gerade einer Schülerin auf das Gesäß? Unfreiwillig. Es ist nicht zu übersehen, dieses Flaggschiff. Gabi ist weg, endlich. Die Schlange rückt nach. Einige ungeduldige ältere Herren hinter mir seufzen „na endlich“ und treten mir in die Hacken. Ich drehe mich erbost um. „Das hat weh getan“, weine ich beinahe und schau wieder nach vorn. „Das geht aber auch langsam hier“ wagt es eine 43 jährige Frau zu bemerken, die in derselben, einzigen Schlange steht wie ich und alle anderen.
Gibt es denn nur diese eine Bedienstete hier? Die 43 jährige Frau hat drei Kinder auf dem Arm und 5 im Kinderwagen. Sie ist nervös, da sie ständig droht, das Gleichgewicht zu verlieren, das liegt an der schreienden Vielzahl, die sie auf Armen und in Wägen daherschiebt. Das von ihr gekaufte Huhn scheint auch noch zu schrein. Selbst das tote Huhn will hier endlich raus. Ich bemühe mich Contenance zu bewahren. Es sind ja nur Kinder. Waren wir früher nicht alle so? Ich rücke schmunzelnd einen Zentimeter nach vorne.
Denn: Frank kauft Fanta, Jaqueline kauft Milchschnitten 15 Stück, drei hat sie schon gegessen bevor sie bezahlt, die Frau an der Kasse ermahnt sie: „Hör mal Jaqueline, so geht das aber nicht.“ Sie lässt sich alle Zeit der Welt, ihr ausführlich zu erklären, warum sie keine Milchschnitten essen darf, bevor sie bezahlt. Das finde dann selbst ich merkwürdig, denn die Schlange der Kunden ist doch recht beachtlich und scheint sich hinter mir bereits bis zum Kühlregal Richtung Käsetheke dupliziert zu haben. „Jaqueline, jetzt gibst du mir mal die Telefonnummer von deiner Mama“. Ich fasse es nicht. Die älteren Herren hinter mir murren lauter. Die Mutter mit den 8 Kindern schwankt bedrohlich von links nach rechts. ich frage freundlich, ob ich ihr zwei, drei Kinder abnehmen kann, doch sie verneint gequält-grinsend und fasst kurzfristig Fuß.
„Jaquelines Mutter? Ja, hallo? hier ist Frau Birnbaum aus dem Supermarkt, ja Kaisers. Genau. Ja. Ja. Ja. Fanta? Nein! Milchschnitte. Jaqueline hat Milchschnitte gegessen. Nein ich bin nicht ihre Mutter, sie sind ihre Mutter. Ja, Ja , ja, ja, Fanta? Nein. Milchschnitte, ja bevor sie bezahlt hat. Genau“. Woher kennt die Kassiererin überhaupt den Namen von diesem verdammten Scheißblag. Ich werde langsam doch etwas säuerlich und beginne in das erneut lauter gewordenen Gemurre der älteren Herren hinter mir einzustimmen. Als diese mein ungeübtes Murren bemerken, hören sie selbst kurz auf, denn die Töne, welche ich fabriziere und zunächst als Murren vermutete, klingen eher nach einer nicht anspringen wollenden Kreissäge, einer schlechten.
Die alte Dame hat bezahlt und packt sorgfältig ihre Dose Koriander in eine viel zu große Plastiktüte, die sie langsam aus dem Plastiktütenausziehfach entnimmt. „Die hätten sie ja nun auch wirklich in ihre Manteltasche packen können“, entgleitet es mir. Die alte Dame schaut mich peinlich berührt an und entweicht langsam aus dem Laden. Das war mir unangenehm. Ich bin nicht der Typ, der alte Omas darauf hinweiset, dass sie keine Tüten brauchen. Eigentlich! Doch heute ist alles anders und meine Säuerlichkeit scheint sich langsam in Wut zu wandeln.
Denn: Jens kauft Fanta, wenigstens ist dieses bescheuerte Telefonat beendet. „Jens, hast du schon an der Fanta genascht, ohne zu bezahlen?“. „Nein Nein, Frau Brumbaum“, Jens wehrt sich vehement gegen die fadenscheinigen Vorwürfe der Kassiererin. „Du hast ja gesehen bei Jaqueline, was dann passiert. Außerdem heiße ich Birnbaum und nicht Brumbaum. Jetzt rufe ich deine Mutter an. Gib mir das Handy!“. Schreiend greift die unter Wahnvorstellung leidende Kassiererin Jens in die Hose und reißt an dem Minderjährigen herum. Ich ergreife Partei für Jens “ Frau Braunbär, äh Brumbirne, ach verdammt, Frau Birnbaum“, reagiere ich selbst bereits leicht verwirrt, „Sie haben doch gesehen, dass die Fantaflasche voll ist Jens hat nicht vorher getrunken, das haben alle hier gesehen“ Die älteren Herren nicken genervt und einer fügt an. „Kann es dann bitte weitergehen“. „Immer mit der Ruhe, sie sehen ja dass heute viel los ist“, erkennt Frau Birnbaum von der Kasse clever. Die 43 jährige Mutter hinter mir schwankt nach wie vor bedrohlich. Eines ihrer Kinder hat sie bereits zwischen den Suppendosen von Knorr ins Regal gesetzt. Die ersten Dosen fallen auf den Boden. Die Frau versucht verzweifelt die Dosen wieder aufzuheben, lässt dabei aber aus Versehen ein weiteres Kind ins Tiefkühlfach fallen. Die murrenden Herren erbarmen sich und holen es wieder heraus. Gerd kauft Orangenlimo, Jetzt geht es endlich weiter.
Meine Güte, wie lang ist diese Schlange eigentlich? Brutus kauft Knusperflocken mit Anisgeschmack. Bevor ich mich fragen kann, woher ich die Namen der ganzen Kinderschaar kenne, beantwortet sich die noch nicht gestellte Frage von ganz allein, denn die Kinder schreien sich ununterbrochen gegenseitig mit ihren Vornamen an, sodass nach kürzester Zeit jeder in der Schlange weiß, mit wem er das Vergnügen hat das Fließband zu teilen. Puh, es geht wieder einen kleinen Schritt vorwärts, denn Sebastian hat endlich seine sauren Apfelringe bezahlt. Er geht schreiend durch die automatische Schiebetür. Draußen sucht die alte Dame noch die Korianderdose in ihrer Plastiktüte, in die sie selber fast reinpassen würde wie es mir gerade auffällt, denn sie war winzig, das lag daran, dass man im Alter schrumpft und sie war sicher sehr alt. „Wo zur Hölle ist denn hier ein zweiter Kassierer, Frau Birnbaum, Hilfe!“ schreit plötzlich einer der älteren murrenden Herren hinter mir, der andere neben ihm murrt weiter, diesmal stimme ich nicht mit ein. Der schreiende ältere Herr hat mittlerweile der 43 jährigen Frau zwei Kinder abgenommen, eins davon hat er seinem murrenden Nachbarn in die Arme gelegt und eines hält er selbst an der Hand. Das Kind kann eigentlich noch nicht stehen und daher baumelt es etwas hilflos an dem starken Arm des alten Mannes in der Luft umher. Seine Mutter schaut kurz etwas besorgt, weiß sich aber auch nicht anders zu helfen, denn ein weiteres Kind ist mittlerweile mit dem gar nicht mehr so kalten Tiefkühlhuhn um die nächste Regalecke zu den Gewürzen gezogen. Einer seiner Brüder oder Schwester öffnet weinend eine Suppentüte. Ich kann die Geschlechter der Kinder schon nicht mehr auseinanderhalten, so lange stehe ich bereits in dieser verschissenen Reihe.
Ein Obdachloser schiebt sich plötzlich vor das nächste Schulkind und will Pfand abgeben. Frau Brinbaum geht bereits leicht genervt auf ihn ein. „Leergut her!. Bitte, tschüss“. „Unfreundliche Hure“, schreit der Obdachlose ihr hinterher. „Jetzt reichts“ murmelt einer der älteren, murrenden Männer hinter mir. Er hat noch das Kind am Arm hängen, das nicht laufen kann und fängt den Penner auf der automatischen Türschwelle ab. Ich bin zu weit weg, um zu verstehen, was sie sagen, denn mittlerweile geht es in der Schlange nicht mehr vorwärts, sondern rückwärts weiter. Irgendwer scheint sich ständig dazwischen zu mogeln. Der Streit auf der Türschwelle eskaliert und der ältere Mann schlägt auf den Obdachlosen ein. Er schlägt aus Versehen mit dem Arm, an dem das Kind hängt. Die wankende Mutter bekommt davon nichts mit, denn sie steht mittlerweile, weil die Schlange ja rückwärts geht hinter dem nächsten Regal. Zwei Kinder kann sie bereits nicht mehr finden. Das mit dem Huhn und das, welches vorhin im Regal saß. Egal, sie hat ja auch genug davon.
Das Schlangestehen hat mit Einkaufen schon längst nichts mehr zu tun. Man merkt in den Blicken aller Beteiligten, dass sie es jetzt erst recht wissen wollen. Viele sind wütend und wollen um jeden Preis bis zur Kasse vordringen um ihren Unmut zu äußern. Auch die Vordermänner und Frauen werden missmutig angeschaut und auch schonmal gepiekst oder geschubst. Ein zwei Handgemenge brechen aus. Eine Frau schlägt einem der Schulkinder ins Gesicht. Ich kann es verstehen und klatsche. Keiner will vor den Nachbarn kapitulieren, nicht jetzt, wo es gerade zu eskalieren droht. Jeder hat hier seinen Stolz.
Erwin kauft einen Milchshake, Doris hingegen kauft lieber irgendwas von Haribo, Dennis ist wieder im Laden und schon wieder vor mir. „Was machst du denn hier vor mir schon wieder Dennis“ frage ich den verdutzten Schüler. „Ich stand schon vor dir hier“ lügt mich das Gör an. „Haben sie das gehört“ ruft der zweite ältere Mann, dessen Freund den Obdachlosen mit dem Kind zusammen niedergerungen hat. „Er mogelt sich vor“. Der alte Mann nimmt sich Dennis unter den Arm und geht mit ihm vor die Tür. Die 43 jährige Mutter liegt auf dem Boden und scheint ohnmächtig zu sein. 50 Meter hinter mir schreit ein Rentner um die Ecke des Regals, von wo aus die Kasse gerade sichbar sein muss „stehen wir hier richtig?“.
Erst jetzt sehe ich, dass Frau Birnbaum gar nicht mehr an der Kasse steht. Sie schlägt sich zusammen mit dem Ladendetektiv mit ungefähr 6 Schülern herum. Plötzlich stürzt neben mir ein Regal um, es begräbt die ohnmächtige Mutter unter sich. Die Kinder sind bereits alle weg. Die alte Korianderoma kommt wieder in den Laden getrudelt und wirft das Zeitschriftenregal um. Die Schlange löst sich nach und nach in mehrere Tumulte auf und ich meine an der Käsetheke Feuer zu erkennen.
Das Misstrauen schlägt in Hass um und alle Kunden befinden sich in handfesten Faustkämpfen. Vor Alter und Geschlecht wird kein Unterschied mehr gemacht. Dosen fliegen, es brennt und die Sirenen auf der Straße sind zu hören.
Keiner wird entkommen, das war von Vornherein klar, seit Tobi der Fette, der eigentlich Tobias heißt die Fanta kaufte.

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Die Fragen der Welt (9) http://dave.blogsport.de/2012/12/09/die-fragen-der-welt-9/ http://dave.blogsport.de/2012/12/09/die-fragen-der-welt-9/#comments Sun, 09 Dec 2012 14:23:30 +0000 admin Texte Die Fragen der Welt http://dave.blogsport.de/2012/12/09/die-fragen-der-welt-9/ Kennen erfolgreiche Sportler auch die andere Seite der Medallie ?

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Die Fragen der Welt (8) http://dave.blogsport.de/2012/12/09/die-fragen-der-welt-8/ http://dave.blogsport.de/2012/12/09/die-fragen-der-welt-8/#comments Sun, 09 Dec 2012 14:22:38 +0000 admin Texte Die Fragen der Welt http://dave.blogsport.de/2012/12/09/die-fragen-der-welt-8/ Hat der Beruf des Straßenfegers auch eine Kehrseite?

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Jedem seine Epoche http://dave.blogsport.de/2011/09/26/jedem-seine-epoche/ http://dave.blogsport.de/2011/09/26/jedem-seine-epoche/#comments Mon, 26 Sep 2011 17:54:01 +0000 admin Texte Fiktive Erlebnisberichte http://dave.blogsport.de/2011/09/26/jedem-seine-epoche/ Der Mann neben mir schrie, als er in das Ei biss, welches die Konsistenz einer Unterhose aufwies, die von Inkontinenz gebeutelt war. Er schleuderte der Bedienung das Ei ins Gesicht, einer dahergequälten Studentin, die sich ihr täglich Brot in dem barocken Drecksloch dazuverdiente, indem sie es einfach nach Feierabend einpackte. Es war das Brot, dass die Gäste nicht aufgegessen hatten. Eigentlich würde es weggeworfen, doch die Chefin, eine alte, der Zeit des Biedermeier entsprungen zu sein scheinende Vollschnäpfe, hatte ein Nachsehen mit der armen Studentin, deren hart verdientes Geld in Bildung und Brust floss. Denn diese hatte sie sich auf Drängen ihres Freundes, eines eigentlichen Romantikers, der jedoch der Klassik entsprungen zu sein schien, mit jeder Menge lustiger Füllungen vollstopfen lassen, so dass sie in tiefer Nacht munter um die Wette funkelten und schon so manchen Verkehrsunfall provoziert hatten. Ihr Freund, ein nicht ungebildeter Mensch, jedoch dem Gebiete der anthropologischen Feinsinnigkeit nicht gerade zugeneigt, nutzte die Studentin, deren barockesker Name Spitalia lautete, aus dem fernab Ungarischen kam und so viel bedeutete wie „die, die sich gern ausnutzen lässt“, gerne aus und betrog sie nach Strich und Faden. Dass er sie nicht nur nach, sondern auch während Strich und Faden betrog, mag ein flux dahergeseppeltes Beispiel zu begründen vermögen. Denn unserer lieben Spitalias Lieblingsbeschäftigung waren das Zeichnen mit Strichen und Stricken mit Fäden. Und zu genau diesen Zeitpunkten, in denen sie sich in vormärzlicher Sicherheit wähnte und diesen ihr lieb gewordenen Betätigungen mit Strich und Faden nachging, trat unser feiner Flegel, ihr Freund, vor sie und log so manchen Balken durch, indem er ihr sagte: „Ich bin mal eben auf dem Klo“ oder „Ich gehe mal eben zu Herrn Zanderschwanz herüber, seine Hühner sollen diese Woche ganz famose Eier gelegt haben“. Nach diesen Lügen, von denen es noch weitaus unglaubwürdigere gab, als diese, zog ihr Freund, ein Typ wie aus Kot gegossen, los und missachtete so ziemlich jedes Gesetz, das es gab. Er ging bei rot über die Straße oder stahl Pflaumen von Bäumen, die ihm nicht gehörten. Einestags wurde ihm die Klauerei auch zum Verhängnis und er verdrehte sich beim Sturz von einem der Bäume , die ihm nicht gehörten, aufs Übelste den Arm, welcher kurz darauf abfiel, so wie alle übrigen Arme und auch die restlichen Gliedmaßen mochten den eigentlichen Verfallsprozess nicht abwarten, sondern lösten sich verfrüht vom Torso und somit starb der Lump ganz ohne Geld und Glück und vor allem ohne Beine und Arme. Aus letzteren soll ihm der um seine Pflaume gebrachte Bauer jene sogar noch entwendet haben. Die Leiden und der Tod dieses Idioten jedoch spielen eigentlich keine bedeutendere Rolle und ich habe dem Glück- und Gliedlosen mehr Worte gewidmet, als er es eigentlich verdient hat. Um sein leidiges Kapitel nun endgültig abzuschließen und den zu viel gewählten Worten nachträglich einen vermeintlichen Sinn zu verpassen, sei noch der Name dieses Uninteressäntlings erwähnt. Er hieß: Rupert Block!
Da wir den armseligen und armlosen, so wie eigentlich harmlosen Rupert Block!, der sich wohl doch eher der Goethezeit, als der Klassik zuschreiben lässt, nun im Schließfach unseres Vertrauens zurücklassen können, rückt eine andere Person in den Fokus dieser unglaublichen, aber der Wahrheit verpflichteten Geschichte. Und zwar der von Rupert Block! erfundene Vorwand, seine Freundin, die malende und strickende Spitalia, abends zu verlassen und Schabernack zu treiben. Denn was der Rupert Block!, unser der Goethezeit zusagende, armlose Glücksumgeher nicht wusste und nicht wissen konnte war, dass es den von ihm erfundenen Bauer Zanderschwanz tatsächlich gab und dieser, Gott sei mein Zeuge, die besten Eier in der Gegend machte. Also nicht selber!
Seine Hühner taten dies, wenn sie Bock hatten und das hatten sie häufig. Eine ausgewogene Ernährung war die Zauberformel. Zanderschwanz kannte die kleinsten Gewohnheiten jedes Huhns und hatte für alle einen Ernährungsplan erstellt. Er wusste und achtete genau darauf, welches Huhn zu viel Schokolade aß, wusste, wenn ein Huhn Diabetes hatte, wusste die auf Melancholie zurückzuführende Fettleibigkeit mancher Hennen optimal zu bekämpfen, wenn ein eitler Gockel sie hatte sitzen lassen, oder ihnen das blaue vom Himmel erzählt hatte, obwohl er wusste, dass der Himmel gar nicht blau ist, dass das Blau nie erreicht werden kann, dass aus dem Blau irgendwann Schwarz wird. Wie viele Hähne hatten die Unwissenheit der häuslichen Glucken über Astronomie schon ausgenutzt. Die armen Hühner. Doch der ausgewogene Ernährungsplan von Herrn Zanderschwanz stimmte die Hühner glücklich und hielt sie gesund. Sie bewunderten den eifrigen Landsknecht dafür. Einmal hatte sich ein Huhn sogar in Bauer Zanderschwanz verliebt, aber er hatte es Tags darauf aus Versehen gegessen. Nichts desto trotz legten seine Hühner die meisten und zugleich auch die leckersten Eier weit und breit.
Es folgt die unglaubliche Wendung der bis hierher handelsüblichen Geschichte. Das Restaurant nämlich, in welchem ich saß und von wo die Geschichte ihren Ausgang genommen hatte, pflegte seine Kundschaft nur mit den besten Speisen zu penetrieren. So stammte das Ei, in welches der Mann neben mir schreiend gebissen hatte, natürlich vom besten Bauern weit und breit und das war nun einmal Herr Zanderschwanz. Der Mann neben mit, der im verlaufe der Erzählung der Kellnerin Spitalia das Ei ins Gesicht geschleudert hatte, dass der Dotter nur so schlotterte, konnte natürlich nicht ahnen, dass es sich um das Ei eines Bauern handelte, den der Freund der Kellnerin, dem die Gliedmaßen wegen Pflaumepflücken abgefallen waren, als Vorwand angegeben hatte, das Haus zu verlassen. Ebenso konnte der Mann neben mir nicht wissen, dass dieser Freund, Rupert Block!, angenommen hatte, dass es diesen Bauer gar nicht gab, dass es ihn jetzt aber doch gab und dass die Freundin desjenigen, der ihn zum Vorwand gewählt hatte, nun das Wohlstandsei im Gesicht hängen hatte.
Eine Frage jedoch bleibt noch zu klären und ihre Antwort bindet sich in das Geflecht der Lösungen ein, wie es ein Kurt-Tucholsky Absolvent in das Gefolge der ********* getan hätte.
Die Frage: Warum schrie der Mann neben mir und warf der Bedienung, Spitalia, das gekochte Weiße ins Gesicht ?
Was er der bisherigen Geschichte folgend, eigentlich nicht hätte wissen können, aber doch wusste, weil sich Geschichtsverläufe nunmal auch ändern können, war, dass Zanderschwanz die besten Eier machte. Mit dieser Erwartung hatte er sich nun in das Etablissement begeben und erwartete, zurecht, das perfekte Ei! Einige Zeit zuvor betrug es sich jedoch, dass sich die anderen Bauern in der Umgebung verbrüderten und dem Zanderschwanz fiese Eier untermischten, um seinen unantastbaren Ruf, als Eiergott, zumindest zu schmälern. Eines dieser Eier, bestehend aus Unrat und Batteriesäure, hatte nun seinen Weg in das Restaurant und ein Stück davon seinen Weg in den Mund des Mannes gefunden. Daher der Schrei, daher der Wurf. Als ich mich umsah, war der Mann verschwunden. Auch die Bedienung war nirgends zu sehen. Vor mir stand mein Ei, wie ich es bestellt hatte. Ich zahlte und verließ das Restaurant. Alle übrigen Gäste aßen mit Genuss ihre Eier. Ob sie alle die Guten von Herrn Zanderschwanz erwischt hatten? Ich verließ die Tür und eine frische Nordostbrise fegt mir die Popel aus der Nase. Meine Hände hatte ich fest in meine Manteltasche gedrückt. In der linken Hand das Ei. Wärmend umschlungen. Ich war seine Rettung., nicht umgekehrt. Den Brutkasten hatte ich bestellt. Dann begann das Pochen!

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