Einparken mit Johanna

„Weiter, weiter, weiter!“. Bernd Fröhlichs Stimme war ruhig aber bestimmt, als er den Lamborghini in die winzig kleine Parklücke einwinkte. Seine Arme waren auseinandergebreitet, seine Handflächen senkrecht aufgestellt, seine Gedanken waren bei Johanna. Manchmal hatte sie ihn geliebt, manchmal hatte sie ihm völlig pampige Nachrichten geschrieben, so als habe er gerade einen Obdachlosen angezündet oder einem 6-jährigen Kind auf dem Weihnachtsmarkt eine schallende Ohrfeige gegeben. Das hatte er aber, soweit er sich erinnern konnte, nicht. Dann wären die pamigen Nachrichten ja vielleicht gerechtfertigt geween. Aber so kamen sie aus dem Nichts, einfach so, ohne dass er was dafür konnte. So glaubte Bernd Fröhlich jedenfalls. Aber Männer konnten immer was dafür, wenn Frauen unberechenbar reagierten. Liebe und Hass lagen nah beeinander, das war nicht nur in Afghanistan und Syrien so, sondern auch hier, in Oberhausen, Wermelskirchen und Castrop Rauxel. Und daran dachte Bernd, als er den viel zu teuren Wagen in die viel zu kleine Parklücke einwinkte. „Weiter, weiter, weiter“, sprach er behutsam. Dem Testosteron-Mutanten am Steuer kam seine Stimme bereit suspekt vor, weswegen er kurz das Rückwärtsfahren stoppte und misstrauisch aus dem Seitenfenster in Bernds Richtung sah. „Hab ich noch genug Platz?“, fragte der Muskelprotz, während er seine Sonnenbrille ohne Sehstärke von den Augen bis auf die Nase herunterzog. „Passt! Du hast noch genug Platz“, log Bernd den Berg aus harttrainiertem, aber sinnbefreitem Fleisch an. Eigentlich, so dachte sich Bernd, während seine Gedanken kurzzeitig von Johanna abwichen, eingentlich manövriere ich eine unnütze Fleischmasse hin und her. Das war ja schlimmer als im Schlachthaus. Da passierte wenigstens am Ende was mit dem manövrierten Fleisch. Andere Fleischberge aßen die verarbeitete Fleischmasse. Aber diese Fleischmasse hier, die Bernd in die Parklücke zwängen sollte, mit der passierte nix. Sie würde vermutlich überdurchschnittlich oft auf andere, nicht so aufgepumpte Fleischmassen einficken, ein paar Stangen mit Gwichten in die Luft recken und wieder absetzen. Dann würde sie irgendwann kurz darüber nachdenken, wofür sie dies alles getan hatte, dann wäre es aber bereits zu spät, weil die Fleischmasse Mitte 60 war und auf dem Bürgersteig vor einem veganen Burgerladen einen Herzinfarkt erleiden und zusammenbrechen würde. Die Wiederbelebung würde scheitern. Dann würde die Fleischmasse begraben und weg sein. Wer würde sich an sie erinnern? Vielleicht der fiktive Fitnestrainer Jürgen mit den Worten: „Hört mal alle her. Der Dennis ist tot. Der hat immer so toll die Gewichte hochgehoben. Das war ein feiner Kerl. Bitte behaltet ihn so im Gedächtnis wie er war.“ Dann würden sich alle angucken und nicht verstehen, wie das gemeint war. Dann würden sie selber wieder Gewichte hoch und runter heben. Das würde es dann gewesen sein.

„Bist du sicher, dass da noch genug Platz ist, man?“. Bernd zuckte zuammen, er war in seinen Gedanken wirklich weit von der Realität abgedriftet und sah nun in das fragende sonnenbebrillte rötlich-dumme Gesicht der hässlichen Hurensohns vor sich. Um ihn zu beruhigen verringerte er den Abstand seiner Arme. „Weiter, weiter, weiter“, sagte er in fürchsorglichem Tonfall. So fürsorglich wie eine Familienvater, der seinem 10-jährigen Sohn den Arsch vollhaut, weil er auf der Pfadfinderfreizeit einen anderen Jungen geküsst hatte. Das machte man nicht, andere Jungs küssen und auf Pfadfinderfreizeit fahren sowieso nicht. Was sollte die ganze Scheiße von wegen „eine gute Tat pro Tag“ eigentlich? Diese verpickelten Arschlöcher in ihren Pseudouniformen konnten nicht mal Dreisatz rechnen und dann glaubte man, dass sie tatsächlich über auch nur eine gute tat pro Tag nachdachten? Einer Rentnerin über die Straße hefen? Ein Stück Hundescheiße vom Bürgersteig aufheben und es fachgerecht entsorgen? Wohl kaum! Eher würden Putin und Donald Trump gemeinsam wilde Sexparys feiern. Wobei…. Wie dem auch war! Die Welt war schlecht. Das wusste Bernd bereits seit März 1992. Da hatte ihm mal jemand auf der Straße zwischen die Beine getreten, einfach so. Schon wieder einfach so, genau wie Johanna. Bernd verkleinerte seinen Armabstand erneut. Der Muskelberg hatte seinen Kopf wieder eingezogen und vertraute ihm augenscheinlich. Die goldenen Felgen rollten an. Langsam setzte er weiter zurück. Der Motor schnurrte wie ein schwuler Kater. Und Homosexualität war im Tierreich ja durchaus verbreitet und akzeptiert. Bernd hatte Videos aus dem Krüger Nationalpark gesehen. Da war ein schwules Löwenpärchen gewesen. Und die lebten schon lange zusammen. Immer wieder waren in großen Sätzen lachende Garzellen vorbeigesprungen und haten die Homo-Löwen ausgelacht. Das war nicht schön gewesen für die Könige des Tierreichs. Darum hatten einige Wilderer ein Eilgericht einberufen und die homophoben Lach-Garzellen zum Abschuss freigegeben. Zwei reiche Zahnärzte aus Gelsenkrichen durften die Tiere dann erlegen. Man hatte ihnen versprochen, dass sie das Elfenbein behalten dürften. Da Garzellen aber kein Elfenbein an sich tragen, vor allem keine homophoben Garzellen, waren die Zahnärzte wütend wieder nach Hause geafahren. Wenigsten die Milz der Garzellen hatten sie mitnehmen wollen, doch beim Boarding war das Blut aus dem Handgepäck getropft und die Zahnärzte waren zur Strafe – weil in Afrika ja andere Geetze gelten als hier – in der Wildnis ausgesetzt worden. Sie waren nackt gewesen und wenn die Aufzeichnungn eines Stammesführers stimmten, die einige dünne Ethnologen in Korthosen Jahre später fand, waren die zwei Zahnärzte sogar von den beiden schwulen Löwen aufgefressen worden.
All dies änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass Bernd immer noch sehr an Johanna hing. Er liebte sie, ja das konnte er so sagen. Doch hatte dies je auf Gegenseitigkeit beruht? Sie hatte ihm so oft die kalte Schulter gezeigt. Er hatte sie sich angeschaut und versucht, sie zu wärmen. Vergebens. Oder war er nur überdurchschnittlich erwartungsvoll und hätte sich damit zufrieden geben sollen?

Wie dem auch war, sie hatten sich in einem großen Knall getrennt. Es waren Teller, Tassen und Katzen geworfen worden. Dann war alles aus gewesen. „Ich gehe du Arschloch. Ich liebe dich, ich hasse dich aber auch. Du bist echt ein Wichser, hast aber auch gute Seiten an dir. Ich bin verrückt nach dir und will dir in die Fresse boxen du liebenswerter Hurensohn!“. Mit diesen Worten hatte Johanna ihn vor seiner Haustür stehengelassen, war in ein Taxi gestiegen und nach Koppenhagen gafahren. Da wollte sie schon immer mal shoppen gehen, hatte sie gesagt. Jetzt stand Bernd hier an der zu kleinen Parklücke, der Abstand zwischen seinen Armen war mittlerweile berohlich klein. „Geht noch?“, fragte es aus dem Seitenfenster. „Geht noch!“, antwortete Bernd fahrlässig. Er wollte sich nicht mit dem Auto beschäftigen, aber irgendwie war das Einwinken eine meditative Situation, in der sich seine Gedanken toll formen konnten. Das gelang ihm sonst nicht sonderlich oft. Er dachte an Johanna.

Dann knirschte es, wie wenn man mit tausend Gabeln über einen meterlangen Teller zieht, ein Geräusch wie tausend Höllenhunde, die kacken müssen. Es war von vorn herein klar gewesen, als der Typ in dem viel zu teuren Auto den gedankenverlorenen Bernd angehalten hatte und ihn gebeten hatte ihn einzuwinken: Das konnte nicht gut gehen. Gleich würde der Muskelmann sich besinnen und ihn in den Asphalt stampfen. Für einen Moment blieb Bernd stehen und erwartete seine gerechte Strafe. Er war bereit, für seine Fehler zu büßen. Dann überlegte er es sich anders, rannte weg und zeigte dem tobenden Fitnesstudiobesucher einen soliden Mittelfinger.

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