Der Feind im Haus

Bernd Sandström setzte vorsichtig einen Fuß vor den andern. Er ging so langsam die Treppe hinunter, weil er es den alten hölzernen Treppenstufen nicht erlauben wollte, zu knarzen. Dabei hätten sie so gern. Sie waren immerhin schön aus Eiche und alt, und alles was alt ist knarzt gerne. Das gilt für alte Ommas, alte Fahrräder und eben auch alte Häuser und deren alte Treppen. Aber hier und jetzt durften sie eben nicht knarzen, dachte Bernd, sonst würde er entdeckt werden. Er blieb kurz stehen und horchte angespannt in die Dunkelheit hinein. Er wusste längst, dass sich noch jemand im Haus befand und wählte seine Bewegungen mit Bedacht. Er stützte sich mit den Händen beim Abwärtsgehen an der Wand ab, um das Geländer aus dem schönen Eichenholz nicht zum Schreien zu bringen. Kurz dachte er an die weiße Tapete und überlegte, ob seine Hände eventuell Flecken darauf hinterlassen würden. Dann wunderte er sich, dass er in der jetzigen Situation über derlei Nichtigkeiten nachdachte. Unten im Wohnzimmer lief noch der Fernseher. Verdammt, fluchte Bernd, natürlich nur innerlich, denn er durfte ja keinen Laut von sich geben. Gefahr war im Verzug. Ein kurzer Stich, der sich hinterhältig langsam vom Darm ausgehend bis zum Kehlkopf durch seinen Mitte-40er-Körper schlängelte, überraschte Bernd auf einer der letzten Stufen. Schmerzverzerrt kniff er die Augen zusammen, bis das Übel nachliess. Das kam davon, wenn man nicht laut fluchte, sondern in sich hinein, je schlimmer die Worte waren, desto schmerzhafter wurde das innere Fluchen. Den Fernseher hatte er gestern Nacht vergessen auszuschalten. Eine seriöse Dokumentation über Nazi-UFOS hatte ihn dermaßen zur Weißglut getrieben, dass er aufs Klo gestolpert war, getränkt von mehreren Gläsern Whiskey, beraucht von einer halben Packung Ernte 23. Vom Klo aus war er irgendwie ins Bett geraten, ohne den flimmernden Schwachsinn zu beenden. Daher lief die Kiste noch immer. Er schaute in Richtung des Fernsehers, der in der Mitte des Raumes auf einem kleinen Tisch stand. Sehen konnte er ihn nicht, die Geräusche ließen jedoch vermuten, dass keine Nazi-Dokumentationen mehr liefen, sondern irgendwelche ähnlich gehaltvollen Zeichentrickserien. Bernd ärgerte sich über seine Vergesslichkeit, denn die Geräusche des Fernseher überlagerten mögliche Geräusche von der anderen Person. Keine guten Voraussetzungen, um zu erhorchen, wo sich der Eindringling befand. Sein rechter Fuß setzte nun langsam auf der untersten Treppenstufe auf und den linken manövrierte er gerade Richtung Erdenboden, als auf der Straße ein Motorrad vorbeiknatterte und das Wohnzimmer, das vor ihm lag durch die Fenster kurz in gleißendes Licht tauchte. Bernd verkrampfte sich und befürchtete von der anderen anwesenden Person vielleicht auf der Treppe erkannt worden zu sein. Daher verharrte er kurz, bevor er die Treppe hinter sich lassen konnte und kniff wie zuvor die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen. Nun stand er auf seinen leisen Sohlen und schlich langsam um sich schauend durch das Wohnzimmer in Richtung des Fernsehers. Auf der anderen Seite des Wohnzimmers lag direkt angrenzend die Küche und das war sein Ziel. Leise tapste er am Fernseher vorbei. Wenn ich ihn ausschalte, so dachte Bernd, wird die andere Person nur darauf aufmerksam, dass sich etwas verändert, dass ich also hier bin, nein ich schleiche weiter direkt in die Küche. Als Bernd die Küche betrat gab es noch keinen Hinweis darauf, dass er bemerkt worden war, aber er spürte die Anwesenheit seines Widersachers. Dann knallte es plötzlich. Bernd erschrak, er hatte gefurzt. Ärgerlich, dass das ausgerechnet jetzt passierte. Er wartete mit gesenktem Haupt darauf, dass sich sein Gegner nun aus der Dunkelheit irgendeiner unerwarteten Ecke lachend und voller Gewalt auf ihn stürzen würde. Voller Gewalt, weil er ihn so sehr hasste und lachend, weil Bernd sich durch einen Furz verraten hatte. Was für ein erbärmliches Ende dachte Bernd noch, mein Leben endet, weil ich aus Versehen gefurzt habe. Als seine schlimmsten Befürchtungen sich auch nach 5 Minuten ängstlichem Innehalten nicht bewahrheiteten, entspannte er sich. Allerdings entspannte er sich so sehr vor Erleichterung, dass er erneut furzte. Wieder hielt er kurz erschrocken inne. Das
hätte immer so weitergehen können, bis er beschloss, nicht mehr vor Entspannung zu furzen und so löste er das Bläh-Dilemma. Der kalte Stahl lag fest in seiner Hand, als er die Schublade mit dem Besteck wieder leise zuschob. Das Brotmesser war zwar stumpf, aber jetzt konnte er ruhig kommen, der Jüngling der in der Dunkelheit auf ihn lauerte. Mittlerweile war sich Bernd sicher, dass dieser all seine Schritte verfolgt hatte, von der Treppe über den Fernseher bis hin zur Küche und gleich würde er zuschlagen. Er öffnete langsam den Kühlschrank und bemerkte in genau diesem Moment eine Bewegung im Augenwinkel. Der Moment der Zurückhaltung und Verborgenheit war hinüber. Man hatte ihn entdeckt. Er riss die Butterschale und das Weißbrot aus dem Kühlschrank. Mit großen und schnellen Streichen schleuderte Bernd die Butter mit dem Messer auf das schlaffe Weißbrot. Links und rechts flogen die ranzigen Butterfetzen an ihm vorbei und aus seinem tiefsten Inneren heraus, dem emotionale Verwirrtheit, seelische Qual, und ungerechtfertigter Betrug durch das was er liebte, sehr bekannt war, war es ihm, als wolle er schreien. So laut, wie vor ihm noch nie jemand geschrien hatte. Nicht mal Ötzi, dem sich der Pfeil seiner Verfolger in seinen steinmenschlichen Arsch gebohrt hatte, hätte so laut schreien können. Ein kurzer Blick zu dem Schatten, der jetzt mit größer werdenden Sätzen auf ihn zu hastete, dann ließ Bernd Sandström den metallischen Untersteller für die Butter auf den Küchenboden fallen und ehe dieser aufschlug, hatte er schon den Burländer Käse aus dem Kühlschrank gezogen und in der Hand. Den Blick nach wie vor auf das hasserfüllte Gesicht des heranstürmenden Jünglings gerichtet, legte er fahrlässig, zwei, drei, vier Scheiben auf die völlig dahingesaute Butter. Mit nach vorne gestreckten Armen rannte der Junge nun schreiend auf Bernd zu und war schon über die Türschwelle der Küche hinüber, die Finger hasserfüllt zu Gewaltstummeln verkrümmt. Geistesgegenwärtig hielt Bernd ihm das Käsebrot entgegen und befürchtete von der Wucht des Aufpralls mit dem Angreifer in den Kühlschrank gerissen zu werden. Doch dieser bremste beim Anblick des ihm entgegengestreckten Käsebrotes abrupt ab, nahm es Bernd behutsam aus der Hand und sagte „Danke Papa. Ich bin mal in der Schule. Bis heute Nachmittag dann. Holst du mich vom Schwimmen ab?“.

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