Der Obstkuchen

Der Kuchen schmeckte nicht. Es war ein mehrere Tage alter Obstkuchen. Das konnten meine ungeschulten Geschmacksknospen trotz ihrer Abnutzungserscheinungen wahrnehmen. Die Obst-Auswahl, die sich auf dem bröseligen Teigfundament zwischen hart gewordener Gelantine quetschte war nicht mal kreativ. Nicht unsinnig aber auch eben auch nicht sonderlich einfallsreich. Die Kiwi kribbelte bereits auf der Zunge, immer wenn sie daran stieß. Die Erdbeeren schmeckten nach Nichts, der Apfel schmeckte wie zusammengepresstes Mehl und der Pfirsich, als hätte man ihn nach einer jahrelangen Weltreise auf den Kuchen gelegt. Ich versuchte nicht zu kauen, sondern den ganzen Bissen in einem herunterzuschlucken, damit ich nicht auf den fade schmeckenden, außerplanmäßig alkoholisierten Früchten herumbeißen musste. Bei diesem Unterfangen verschluckte ich mich und hustete ein paar in sich zusammengefallene Johannisbeeren in die Vogelservierte, die ich gerade noch rechtzeitig hochreißen konnte. Sonst hätte Joachim alles abbekommen. Er saß mir gegenüber auf seinem Balkon an dem dreibeinigen kleinen Tisch und stocherte mit einer zu kleinen Gabel in der Obstkuchen-Mischpoke herum. Auch ihm war vermutlich aufgefallen, dass er sich in der Bäckerei ziemlichen Mist hatte andrehen lassen. Das allerdings war sein geringsten Problem.

Er hatte Frauenprobleme und darum war ich hier. Darum saßen wir auf seinem Balkon. Darum hatte Joachim die dreckige Decke nur fahrlässig über den Tisch geworfen, an dem wir betrübt daniederhockten und mit zu kleinen Gabeln auf ekelhaften Obstkuchen einhackten. Darum verloren wir kein Wort über das schöne Wetter. Der Blick in den Hinterhof war ebenso traurig wie Joachims hochgezogene und sich vor lauter Trauer in der Mitte der Stirn beinahe treffenden Augenbrauen. Da er gerade schwieg, schaute ich hinab in die Hinterhoftristesse. Hierher würde sich niemals jemand verirren, der nicht unbedingt herwollte. Ein Fahrrad mit plattem Vorderreifen lehnte an der arschgrauen Wand gegenüber, der Hinterreifen fehlte komplett. Auf dem Lenker saß eine Amsel, der es so langweilig war, dass sie sich die Zeit damit vertrieb leicht auf die verrostete Fahrradklingel zu picken. Die Fenster in der Hauswand waren dermaßen klein, dass man vielleicht gerade mit einem Auge durchschauen konnte. Dunkle Wohnungen, dunkle Gemüter. Drei weiße Plastikklappstühle lehnten unkoordiniert an einer kranken Birke. Es war der einzige Baum im Hinterhof. Und der war auch noch krank. Zumindest sah er so aus. Toll.

„Ich weiß nicht was ich machen soll. Ich will nie wieder eine andere Frau. Die Vorstellung, dass sie jetzt mit jemand anderem zusammen ist macht mich fertig. Jetzt sitze ich hier und picke in diesem scheiß Obstkuchen rum, während sie wahrscheinlich mit irgendwelchen Arschlöchern gemütlich und scherzend im Café sitzt. Was soll ich machen? Was?“ Mit einem Mal riss es meinen Blick von dem traurigen Hinterhof zurück auf meinen traurigen Freund Joachim. Was rät man jemandem in einer solchen Situation? Seine Freundin hatte ihn nach 5 Jahren verlassen und war aus der Wohnung abgehauen. Bei ihrer nächtlichen Flucht hatte sie Joachim gesagt „Ich liebe dich nicht mehr. Ich brauche was Neues. Immer diese Langeweile. Ich kann nicht mehr. Tschüss“. Also was sollte ich sagen zu so einem uninspirierten Abgang? Ich wusste, dass Joachim schnell anfing zu weinen und das wollte ich um jeden Preis verhindern. Würde ich sagen: „Vergiss die blöde Sau“, würde er mir sagen, dass sie keine blöde Sau war, sondern eine super Frau und dann würde er weinen. Würde ich sagen: „Sie war toll aber du musst sie vergessen“, würde er mir sagen, dass sie eine blöde Sau war und er sie aber trotzdem nie vergessen könne, trotz ihrer Makel. Dann würde er weinen. Ich versuchte es also über einen Umweg.

„Zieh doch einfach von hier weg. Der Hinterhof, all das zieht dich runter. Starte neu durch, woanders“. Das war zwar nicht sonderlich tiefgründig aber ich hatte die Hoffnung, dass es immerhin so oberflächlich war, dass Joachim nicht anfangen musste zu weinen….Er guckte nicht von seinem Teller auf…und…fing an zu weinen. Jetzt ließ auch ich meinen Kopf von der Niederlage erschüttert, hängen. Dicke Tränen kullerten auf Joachims Obstkuchen und setzten das ekelhafte Scheißgebäck unter Wasser. „Dieser scheiß Kuchen“ schluchzte er nun. „Wenn wenigstens der Kuchen gut wäre. Ich kaufe ihn schon seit Jahren in der selben Bäckerei. Sabine fand den immer so lecker“ stammelte er noch, bevor er endgültig die Fassung verlor und sein Gesicht tief in den vollgeheulten scheiß Kuchen drückte, von dem ich immer mehr vermutete, dass er Joachim den ganzen Ärger vielleicht erst eingebrockt hatte. Als ich nach oben schaute und ihn ansah, hob auch er seinen Blick und schaute mich mit rot-wässrigen Augen an. Ein Stück Gelantine klebte an seiner Nasenspitze. „Du hast Gelantine an der Nase“ sagte ich verhalten schmunzelnd, in der Hoffnung, den Regenwurmhauch einer Erheiterung in ihn zu blasen. „Danke. Danke dir. Danke, dass du auch hier bist.“ Ich erkannte erstmals an diesem Nachmittag, hier an diesem kleinen Tisch mit der dreckigen Decke, den kleinen Gabeln und dem ekelhaften Obstkuchen vor uns einen Funken Erleichterung in Joachims Blick. Vorsichtig rückte Joachim seinen Stuhl nach hinten und stand auf. „Ich geh mal aufs Klo“ sagte er und drückte sich an mir vorbei durch die Balkontür ins Innere. In dem flüchtigen Blick, den er mir zuwarf, während er mich passierte, meinte ich eine Mischung aus Dankbarkeit und dem Bedürfnis zu erkennen, aufs Klo zu müssen.

Irgendwo bellte ein Hund. Die Sonne hatte sich verzogen und eine graue Wolkendecke schob den blauen Himmel nach und nach beiseite. Ich blickte wieder hinab in den Hinterhof. Um die drei weißen Klappstühle, die am Baum lehnten, lief eine gurrende Taube herum. Sie suchte ein Korn oder einen Freund mit dem sie gemeinsam um die Klappstühle herumlaufen hätte können. Aber sie war allein. Irgendwo, hinter einer der schäbigen Gardinen, die rings um uns vor die zu kleinen Fenster gespannt waren, sehnte sich mit Sicherheit ein in Feinrip-Hemd gepresster Vollalki danach das Luftgewehr auf sie anzulegen. Dann würde er mit einem Auge durch das winzige Fenster zielen. Ich war einer der wenigen Menschen, die ich kannte, der Tauben mochte. Eigentlich war ich der einzige Mensch, den ich kannte, der Tauben mochte. Ich hielt es für Unrecht. Immerhin waren Tauben in zahlreichen Kulturen Symbole für Frieden, Liebe, Treue. Treue. Ich zündete eine Zigarette an, Joachim schien länger auf dem Klo zu bleiben und ich wollte es ihm auch nicht übel nehmen. Vielleicht sprach er sich mit dem Spiegel aus. Oder er hatte den scheiß Obstkuchen nicht vertragen. Warum sollte man es auch jemand übel nehmen, wenn er aufs Klo musste? Mir fiel spontan keine Situation ein, in der es gerechtfertigt gewesen wäre.

Ich aschte in einen von Joachims Plastikblumenkübeln. Verkümmerte Zweigchen hatten sich aus der Blumenerde ans Tageslicht gezittert und fühlten sich hier sichtlich unwohl. Wer hätte es ihnen verübeln können? Was sie darstellen sollten, war mir ein Rätsel. Ein weiteres trauriges Puzzelteil auf Joachims traurigem Balkon. Nach wenigen Zügen drückte ich die Zigarette in der Blumenerde aus. Ich hörte nicht auf zu drücken, bis der Rauchstengel komplett in der Erde verschwunden war. Joachim kam zurück. Er schlappt mit gesenktem Blick an mir vorbei und ließ sich auf den Stuhl sacken, dann hob er den Kopf und sah mich an. „Diese Gedanken, diese lange Zeit. Ich wache jeden Morgen auf und würde am Liebsten wieder einschlafen.“ Er senkte seinen Blick und ich sah, dass er den Tränen erneut verdächtig nah war.

Ich setzte alles auf eine Karte. Ich war kein Psychologe aber ich wusste, dass man kritischen Situationen in manchen Fällen mit schwachsinnigem Verhalten entgehen konnte. Es gab kein Drumherum mehr. Entweder machten wir jetzt etwas Außergewöhnliches, oder wir würden in zwei Tagen wieder heulend über altem ekelhaftem Obstkuchen hocken. Mein Entschluss war gefallen. Ich stand auf. „Der Obstkuchen ist scheiße Joachim“ sagte ich. Er sah mich mit etwas Erstaunen an und sagte nach kurzer Pause. „Du hast Recht. Es ist der beschissenste Obstkuchen, den ich je gegessen habe.“ „Weißt du, was wir jetzt machen Joachim? Wir schmeißen den scheiß Obstkuchen jetzt in diesen traurigen Hinterhof. Vielleicht freut sich wenigstens die Taube darüber. Kann sie sich ja mit Sabine teilen.“ Ohne auf seine Antwort zu warten nahm ich das angebissene Stück klebrigen Obstkuchen von meinem Teller und warf es so weit ich konnte in den Hinterhof hinein. Ungefähr fünf Meter neben dem kaputten Fahrrad schlug es auf. Kiwi, Apfel und Pfirsich spritzten in alle Richtungen. Joachim strahlte. „Scheiß Erinnerungen. Diese dämliche Kuh. Soll sie an dem scheiß Obstkuchen ersticken. Hier!“ und mit diesem Satz schmiss auch Joachim sein Stück Obstkuchen in den Hof. Es flog weiter als meins, klatschte gegen den Baum und explodierte in seine Einzelteile. Erschrocken flog die Taube, die den Flug des ersten Stückes noch unterinteressiert beobachtet hatte, auf ein Hausdach und guckte uns irritiert an. Joachim stieß einen leisen freudigen Gluckser aus. Nach einiger Observation flatterte die Taube zurück und pickte wesentlich motivierter auf das fiese Gebäck ein, als wir es je getan hatten. Ich legte den Arm um Joachim und wir sahen uns die skurril anmutende Szenerie noch eine Weile an, bevor wir uns hemmungslos mit Schnaps betranken.

Der Nachmittag, an dem wir nebeneinander standen und ekelhaften Obstkuchen in den traurigen Hinterhof warfen, prägte unsere Freundschaft nachhaltig. Wir wiederholten das Prozedere noch einige Male, bevor Joachim aus der Wohnung auszog. Aber es erreichte nie die Perfektion, wie an dem einen ersten Nachmittag.

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