Tobias kauft Fanta

Tobias kauft Fanta. Seine Freunde nennen ihn „Tobi den Fetten“. Ob das außerhalb der Einkaufsschlange hier bei Kaisers auch so ist wage ich zu vermuten. Bernd kauft Cherrycola, Sofie kauft Hanuta, 10er Packung, Jens kauft Currywurst Chips, Hans kauft Fanta, Birte kauft eine 5er Packung Bounty, Dennis kauft Oreo Kekse. Endlich ist die alte Dame an der Reihe, sie kauft eine kleine Dose getrockneten Koriander für den Apfelkuchen, dessen Rezept ihre Enkel so lieben. Wenn die Schlange sich weiter so anstaut, bleibt nur zu hoffen, dass ihre Enkel nochmal in den Genuss des Apfelkuchens mit Koriander kommen.
Denn: Jonas kauft Kekse mit Marmelade, Andreas kauft Fanta, Naomi kauft gleich eine ganze Tüte Zucker und macht sich nicht den Aufwand, sich zwischen den ganzen Süßigkeiten entscheiden zu müssen, Hauptsache Zucker, Remi kauft ein Ei. Ein Ei? Nichts Süßes? Dabei gehört sie doch auch zu einer der 10 Schulklassen, die die Frau an der Kasse penetrieren.Ah, es sind Zuckereier, die Remi kauft. Ist ja auch schon fast wieder Ostern, jedenfalls Mai. Beinahe nicht erkannt die Eier. Haha. Ist ja eigentlich ganz lustig hier, gleich bin ich ja dran.
Gabi kauft…nix, Gabi hat was vergessen und geht nochmal kurz zurück. Glücklicherweise hat die debile Kassiererin Geduld, sie ist bestimmt über 70 und sieht ihren Lebensabend übers Fließband ziehen. Irgendwann wird sie zum letzen Mal den Piepton von irgendetwas zu hören bekommen, wahrscheinlich von etwas Süßem, vermutlich von Fanta, dann wird sie sich zur Ruhe legen, zur letzten Ruhe und über das ewige Supermarktfließband zu den Ahnen fahren.
Volker kauft eine Dose Eistee, Klara kauft einen Joghurt, hat aber keinen Löffel, alle lachen. Außer Gabi, die ist immer noch nicht zurück, ah da kommt sie ja, Gabi kauft eine Tüte blaue Schlümpfe, muss sich aber Geld bei Jonas leihen, weil sie sich schon in der Schule zu viel Kakao gekauft hat. Sie ist dick und der Kakao scheint bei ihr unverarbeitet in die Gefäße und Gesäße zu dringen. Es sieht so aus, als hätte sie zwei oder drei davon. Mein Gott, schaue ich gerade einer Schülerin auf das Gesäß? Unfreiwillig. Es ist nicht zu übersehen, dieses Flaggschiff. Gabi ist weg, endlich. Die Schlange rückt nach. Einige ungeduldige ältere Herren hinter mir seufzen „na endlich“ und treten mir in die Hacken. Ich drehe mich erbost um. „Das hat weh getan“, weine ich beinahe und schau wieder nach vorn. „Das geht aber auch langsam hier“ wagt es eine 43 jährige Frau zu bemerken, die in derselben, einzigen Schlange steht wie ich und alle anderen.
Gibt es denn nur diese eine Bedienstete hier? Die 43 jährige Frau hat drei Kinder auf dem Arm und 5 im Kinderwagen. Sie ist nervös, da sie ständig droht, das Gleichgewicht zu verlieren, das liegt an der schreienden Vielzahl, die sie auf Armen und in Wägen daherschiebt. Das von ihr gekaufte Huhn scheint auch noch zu schrein. Selbst das tote Huhn will hier endlich raus. Ich bemühe mich Contenance zu bewahren. Es sind ja nur Kinder. Waren wir früher nicht alle so? Ich rücke schmunzelnd einen Zentimeter nach vorne.
Denn: Frank kauft Fanta, Jaqueline kauft Milchschnitten 15 Stück, drei hat sie schon gegessen bevor sie bezahlt, die Frau an der Kasse ermahnt sie: „Hör mal Jaqueline, so geht das aber nicht.“ Sie lässt sich alle Zeit der Welt, ihr ausführlich zu erklären, warum sie keine Milchschnitten essen darf, bevor sie bezahlt. Das finde dann selbst ich merkwürdig, denn die Schlange der Kunden ist doch recht beachtlich und scheint sich hinter mir bereits bis zum Kühlregal Richtung Käsetheke dupliziert zu haben. „Jaqueline, jetzt gibst du mir mal die Telefonnummer von deiner Mama“. Ich fasse es nicht. Die älteren Herren hinter mir murren lauter. Die Mutter mit den 8 Kindern schwankt bedrohlich von links nach rechts. ich frage freundlich, ob ich ihr zwei, drei Kinder abnehmen kann, doch sie verneint gequält-grinsend und fasst kurzfristig Fuß.
„Jaquelines Mutter? Ja, hallo? hier ist Frau Birnbaum aus dem Supermarkt, ja Kaisers. Genau. Ja. Ja. Ja. Fanta? Nein! Milchschnitte. Jaqueline hat Milchschnitte gegessen. Nein ich bin nicht ihre Mutter, sie sind ihre Mutter. Ja, Ja , ja, ja, Fanta? Nein. Milchschnitte, ja bevor sie bezahlt hat. Genau“. Woher kennt die Kassiererin überhaupt den Namen von diesem verdammten Scheißblag. Ich werde langsam doch etwas säuerlich und beginne in das erneut lauter gewordenen Gemurre der älteren Herren hinter mir einzustimmen. Als diese mein ungeübtes Murren bemerken, hören sie selbst kurz auf, denn die Töne, welche ich fabriziere und zunächst als Murren vermutete, klingen eher nach einer nicht anspringen wollenden Kreissäge, einer schlechten.
Die alte Dame hat bezahlt und packt sorgfältig ihre Dose Koriander in eine viel zu große Plastiktüte, die sie langsam aus dem Plastiktütenausziehfach entnimmt. „Die hätten sie ja nun auch wirklich in ihre Manteltasche packen können“, entgleitet es mir. Die alte Dame schaut mich peinlich berührt an und entweicht langsam aus dem Laden. Das war mir unangenehm. Ich bin nicht der Typ, der alte Omas darauf hinweiset, dass sie keine Tüten brauchen. Eigentlich! Doch heute ist alles anders und meine Säuerlichkeit scheint sich langsam in Wut zu wandeln.
Denn: Jens kauft Fanta, wenigstens ist dieses bescheuerte Telefonat beendet. „Jens, hast du schon an der Fanta genascht, ohne zu bezahlen?“. „Nein Nein, Frau Brumbaum“, Jens wehrt sich vehement gegen die fadenscheinigen Vorwürfe der Kassiererin. „Du hast ja gesehen bei Jaqueline, was dann passiert. Außerdem heiße ich Birnbaum und nicht Brumbaum. Jetzt rufe ich deine Mutter an. Gib mir das Handy!“. Schreiend greift die unter Wahnvorstellung leidende Kassiererin Jens in die Hose und reißt an dem Minderjährigen herum. Ich ergreife Partei für Jens “ Frau Braunbär, äh Brumbirne, ach verdammt, Frau Birnbaum“, reagiere ich selbst bereits leicht verwirrt, „Sie haben doch gesehen, dass die Fantaflasche voll ist Jens hat nicht vorher getrunken, das haben alle hier gesehen“ Die älteren Herren nicken genervt und einer fügt an. „Kann es dann bitte weitergehen“. „Immer mit der Ruhe, sie sehen ja dass heute viel los ist“, erkennt Frau Birnbaum von der Kasse clever. Die 43 jährige Mutter hinter mir schwankt nach wie vor bedrohlich. Eines ihrer Kinder hat sie bereits zwischen den Suppendosen von Knorr ins Regal gesetzt. Die ersten Dosen fallen auf den Boden. Die Frau versucht verzweifelt die Dosen wieder aufzuheben, lässt dabei aber aus Versehen ein weiteres Kind ins Tiefkühlfach fallen. Die murrenden Herren erbarmen sich und holen es wieder heraus. Gerd kauft Orangenlimo, Jetzt geht es endlich weiter.
Meine Güte, wie lang ist diese Schlange eigentlich? Brutus kauft Knusperflocken mit Anisgeschmack. Bevor ich mich fragen kann, woher ich die Namen der ganzen Kinderschaar kenne, beantwortet sich die noch nicht gestellte Frage von ganz allein, denn die Kinder schreien sich ununterbrochen gegenseitig mit ihren Vornamen an, sodass nach kürzester Zeit jeder in der Schlange weiß, mit wem er das Vergnügen hat das Fließband zu teilen. Puh, es geht wieder einen kleinen Schritt vorwärts, denn Sebastian hat endlich seine sauren Apfelringe bezahlt. Er geht schreiend durch die automatische Schiebetür. Draußen sucht die alte Dame noch die Korianderdose in ihrer Plastiktüte, in die sie selber fast reinpassen würde wie es mir gerade auffällt, denn sie war winzig, das lag daran, dass man im Alter schrumpft und sie war sicher sehr alt. „Wo zur Hölle ist denn hier ein zweiter Kassierer, Frau Birnbaum, Hilfe!“ schreit plötzlich einer der älteren murrenden Herren hinter mir, der andere neben ihm murrt weiter, diesmal stimme ich nicht mit ein. Der schreiende ältere Herr hat mittlerweile der 43 jährigen Frau zwei Kinder abgenommen, eins davon hat er seinem murrenden Nachbarn in die Arme gelegt und eines hält er selbst an der Hand. Das Kind kann eigentlich noch nicht stehen und daher baumelt es etwas hilflos an dem starken Arm des alten Mannes in der Luft umher. Seine Mutter schaut kurz etwas besorgt, weiß sich aber auch nicht anders zu helfen, denn ein weiteres Kind ist mittlerweile mit dem gar nicht mehr so kalten Tiefkühlhuhn um die nächste Regalecke zu den Gewürzen gezogen. Einer seiner Brüder oder Schwester öffnet weinend eine Suppentüte. Ich kann die Geschlechter der Kinder schon nicht mehr auseinanderhalten, so lange stehe ich bereits in dieser verschissenen Reihe.
Ein Obdachloser schiebt sich plötzlich vor das nächste Schulkind und will Pfand abgeben. Frau Brinbaum geht bereits leicht genervt auf ihn ein. „Leergut her!. Bitte, tschüss“. „Unfreundliche Hure“, schreit der Obdachlose ihr hinterher. „Jetzt reichts“ murmelt einer der älteren, murrenden Männer hinter mir. Er hat noch das Kind am Arm hängen, das nicht laufen kann und fängt den Penner auf der automatischen Türschwelle ab. Ich bin zu weit weg, um zu verstehen, was sie sagen, denn mittlerweile geht es in der Schlange nicht mehr vorwärts, sondern rückwärts weiter. Irgendwer scheint sich ständig dazwischen zu mogeln. Der Streit auf der Türschwelle eskaliert und der ältere Mann schlägt auf den Obdachlosen ein. Er schlägt aus Versehen mit dem Arm, an dem das Kind hängt. Die wankende Mutter bekommt davon nichts mit, denn sie steht mittlerweile, weil die Schlange ja rückwärts geht hinter dem nächsten Regal. Zwei Kinder kann sie bereits nicht mehr finden. Das mit dem Huhn und das, welches vorhin im Regal saß. Egal, sie hat ja auch genug davon.
Das Schlangestehen hat mit Einkaufen schon längst nichts mehr zu tun. Man merkt in den Blicken aller Beteiligten, dass sie es jetzt erst recht wissen wollen. Viele sind wütend und wollen um jeden Preis bis zur Kasse vordringen um ihren Unmut zu äußern. Auch die Vordermänner und Frauen werden missmutig angeschaut und auch schonmal gepiekst oder geschubst. Ein zwei Handgemenge brechen aus. Eine Frau schlägt einem der Schulkinder ins Gesicht. Ich kann es verstehen und klatsche. Keiner will vor den Nachbarn kapitulieren, nicht jetzt, wo es gerade zu eskalieren droht. Jeder hat hier seinen Stolz.
Erwin kauft einen Milchshake, Doris hingegen kauft lieber irgendwas von Haribo, Dennis ist wieder im Laden und schon wieder vor mir. „Was machst du denn hier vor mir schon wieder Dennis“ frage ich den verdutzten Schüler. „Ich stand schon vor dir hier“ lügt mich das Gör an. „Haben sie das gehört“ ruft der zweite ältere Mann, dessen Freund den Obdachlosen mit dem Kind zusammen niedergerungen hat. „Er mogelt sich vor“. Der alte Mann nimmt sich Dennis unter den Arm und geht mit ihm vor die Tür. Die 43 jährige Mutter liegt auf dem Boden und scheint ohnmächtig zu sein. 50 Meter hinter mir schreit ein Rentner um die Ecke des Regals, von wo aus die Kasse gerade sichbar sein muss „stehen wir hier richtig?“.
Erst jetzt sehe ich, dass Frau Birnbaum gar nicht mehr an der Kasse steht. Sie schlägt sich zusammen mit dem Ladendetektiv mit ungefähr 6 Schülern herum. Plötzlich stürzt neben mir ein Regal um, es begräbt die ohnmächtige Mutter unter sich. Die Kinder sind bereits alle weg. Die alte Korianderoma kommt wieder in den Laden getrudelt und wirft das Zeitschriftenregal um. Die Schlange löst sich nach und nach in mehrere Tumulte auf und ich meine an der Käsetheke Feuer zu erkennen.
Das Misstrauen schlägt in Hass um und alle Kunden befinden sich in handfesten Faustkämpfen. Vor Alter und Geschlecht wird kein Unterschied mehr gemacht. Dosen fliegen, es brennt und die Sirenen auf der Straße sind zu hören.
Keiner wird entkommen, das war von Vornherein klar, seit Tobi der Fette, der eigentlich Tobias heißt die Fanta kaufte.

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1 Antwort auf „Tobias kauft Fanta“


  1. 1 danny 01. April 2013 um 13:36 Uhr

    was für ein großartiger text, was für ein herrlicher satz: „Klara kauft einen Joghurt, hat aber keinen Löffel, alle lachen.“. ich bin begeistert!

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