Jedem seine Epoche

Der Mann neben mir schrie, als er in das Ei biss, welches die Konsistenz einer Unterhose aufwies, die von Inkontinenz gebeutelt war. Er schleuderte der Bedienung das Ei ins Gesicht, einer dahergequälten Studentin, die sich ihr täglich Brot in dem barocken Drecksloch dazuverdiente, indem sie es einfach nach Feierabend einpackte. Es war das Brot, dass die Gäste nicht aufgegessen hatten. Eigentlich würde es weggeworfen, doch die Chefin, eine alte, der Zeit des Biedermeier entsprungen zu sein scheinende Vollschnäpfe, hatte ein Nachsehen mit der armen Studentin, deren hart verdientes Geld in Bildung und Brust floss. Denn diese hatte sie sich auf Drängen ihres Freundes, eines eigentlichen Romantikers, der jedoch der Klassik entsprungen zu sein schien, mit jeder Menge lustiger Füllungen vollstopfen lassen, so dass sie in tiefer Nacht munter um die Wette funkelten und schon so manchen Verkehrsunfall provoziert hatten. Ihr Freund, ein nicht ungebildeter Mensch, jedoch dem Gebiete der anthropologischen Feinsinnigkeit nicht gerade zugeneigt, nutzte die Studentin, deren barockesker Name Spitalia lautete, aus dem fernab Ungarischen kam und so viel bedeutete wie „die, die sich gern ausnutzen lässt“, gerne aus und betrog sie nach Strich und Faden. Dass er sie nicht nur nach, sondern auch während Strich und Faden betrog, mag ein flux dahergeseppeltes Beispiel zu begründen vermögen. Denn unserer lieben Spitalias Lieblingsbeschäftigung waren das Zeichnen mit Strichen und Stricken mit Fäden. Und zu genau diesen Zeitpunkten, in denen sie sich in vormärzlicher Sicherheit wähnte und diesen ihr lieb gewordenen Betätigungen mit Strich und Faden nachging, trat unser feiner Flegel, ihr Freund, vor sie und log so manchen Balken durch, indem er ihr sagte: „Ich bin mal eben auf dem Klo“ oder „Ich gehe mal eben zu Herrn Zanderschwanz herüber, seine Hühner sollen diese Woche ganz famose Eier gelegt haben“. Nach diesen Lügen, von denen es noch weitaus unglaubwürdigere gab, als diese, zog ihr Freund, ein Typ wie aus Kot gegossen, los und missachtete so ziemlich jedes Gesetz, das es gab. Er ging bei rot über die Straße oder stahl Pflaumen von Bäumen, die ihm nicht gehörten. Einestags wurde ihm die Klauerei auch zum Verhängnis und er verdrehte sich beim Sturz von einem der Bäume , die ihm nicht gehörten, aufs Übelste den Arm, welcher kurz darauf abfiel, so wie alle übrigen Arme und auch die restlichen Gliedmaßen mochten den eigentlichen Verfallsprozess nicht abwarten, sondern lösten sich verfrüht vom Torso und somit starb der Lump ganz ohne Geld und Glück und vor allem ohne Beine und Arme. Aus letzteren soll ihm der um seine Pflaume gebrachte Bauer jene sogar noch entwendet haben. Die Leiden und der Tod dieses Idioten jedoch spielen eigentlich keine bedeutendere Rolle und ich habe dem Glück- und Gliedlosen mehr Worte gewidmet, als er es eigentlich verdient hat. Um sein leidiges Kapitel nun endgültig abzuschließen und den zu viel gewählten Worten nachträglich einen vermeintlichen Sinn zu verpassen, sei noch der Name dieses Uninteressäntlings erwähnt. Er hieß: Rupert Block!
Da wir den armseligen und armlosen, so wie eigentlich harmlosen Rupert Block!, der sich wohl doch eher der Goethezeit, als der Klassik zuschreiben lässt, nun im Schließfach unseres Vertrauens zurücklassen können, rückt eine andere Person in den Fokus dieser unglaublichen, aber der Wahrheit verpflichteten Geschichte. Und zwar der von Rupert Block! erfundene Vorwand, seine Freundin, die malende und strickende Spitalia, abends zu verlassen und Schabernack zu treiben. Denn was der Rupert Block!, unser der Goethezeit zusagende, armlose Glücksumgeher nicht wusste und nicht wissen konnte war, dass es den von ihm erfundenen Bauer Zanderschwanz tatsächlich gab und dieser, Gott sei mein Zeuge, die besten Eier in der Gegend machte. Also nicht selber!
Seine Hühner taten dies, wenn sie Bock hatten und das hatten sie häufig. Eine ausgewogene Ernährung war die Zauberformel. Zanderschwanz kannte die kleinsten Gewohnheiten jedes Huhns und hatte für alle einen Ernährungsplan erstellt. Er wusste und achtete genau darauf, welches Huhn zu viel Schokolade aß, wusste, wenn ein Huhn Diabetes hatte, wusste die auf Melancholie zurückzuführende Fettleibigkeit mancher Hennen optimal zu bekämpfen, wenn ein eitler Gockel sie hatte sitzen lassen, oder ihnen das blaue vom Himmel erzählt hatte, obwohl er wusste, dass der Himmel gar nicht blau ist, dass das Blau nie erreicht werden kann, dass aus dem Blau irgendwann Schwarz wird. Wie viele Hähne hatten die Unwissenheit der häuslichen Glucken über Astronomie schon ausgenutzt. Die armen Hühner. Doch der ausgewogene Ernährungsplan von Herrn Zanderschwanz stimmte die Hühner glücklich und hielt sie gesund. Sie bewunderten den eifrigen Landsknecht dafür. Einmal hatte sich ein Huhn sogar in Bauer Zanderschwanz verliebt, aber er hatte es Tags darauf aus Versehen gegessen. Nichts desto trotz legten seine Hühner die meisten und zugleich auch die leckersten Eier weit und breit.
Es folgt die unglaubliche Wendung der bis hierher handelsüblichen Geschichte. Das Restaurant nämlich, in welchem ich saß und von wo die Geschichte ihren Ausgang genommen hatte, pflegte seine Kundschaft nur mit den besten Speisen zu penetrieren. So stammte das Ei, in welches der Mann neben mir schreiend gebissen hatte, natürlich vom besten Bauern weit und breit und das war nun einmal Herr Zanderschwanz. Der Mann neben mit, der im verlaufe der Erzählung der Kellnerin Spitalia das Ei ins Gesicht geschleudert hatte, dass der Dotter nur so schlotterte, konnte natürlich nicht ahnen, dass es sich um das Ei eines Bauern handelte, den der Freund der Kellnerin, dem die Gliedmaßen wegen Pflaumepflücken abgefallen waren, als Vorwand angegeben hatte, das Haus zu verlassen. Ebenso konnte der Mann neben mir nicht wissen, dass dieser Freund, Rupert Block!, angenommen hatte, dass es diesen Bauer gar nicht gab, dass es ihn jetzt aber doch gab und dass die Freundin desjenigen, der ihn zum Vorwand gewählt hatte, nun das Wohlstandsei im Gesicht hängen hatte.
Eine Frage jedoch bleibt noch zu klären und ihre Antwort bindet sich in das Geflecht der Lösungen ein, wie es ein Kurt-Tucholsky Absolvent in das Gefolge der ********* getan hätte.
Die Frage: Warum schrie der Mann neben mir und warf der Bedienung, Spitalia, das gekochte Weiße ins Gesicht ?
Was er der bisherigen Geschichte folgend, eigentlich nicht hätte wissen können, aber doch wusste, weil sich Geschichtsverläufe nunmal auch ändern können, war, dass Zanderschwanz die besten Eier machte. Mit dieser Erwartung hatte er sich nun in das Etablissement begeben und erwartete, zurecht, das perfekte Ei! Einige Zeit zuvor betrug es sich jedoch, dass sich die anderen Bauern in der Umgebung verbrüderten und dem Zanderschwanz fiese Eier untermischten, um seinen unantastbaren Ruf, als Eiergott, zumindest zu schmälern. Eines dieser Eier, bestehend aus Unrat und Batteriesäure, hatte nun seinen Weg in das Restaurant und ein Stück davon seinen Weg in den Mund des Mannes gefunden. Daher der Schrei, daher der Wurf. Als ich mich umsah, war der Mann verschwunden. Auch die Bedienung war nirgends zu sehen. Vor mir stand mein Ei, wie ich es bestellt hatte. Ich zahlte und verließ das Restaurant. Alle übrigen Gäste aßen mit Genuss ihre Eier. Ob sie alle die Guten von Herrn Zanderschwanz erwischt hatten? Ich verließ die Tür und eine frische Nordostbrise fegt mir die Popel aus der Nase. Meine Hände hatte ich fest in meine Manteltasche gedrückt. In der linken Hand das Ei. Wärmend umschlungen. Ich war seine Rettung., nicht umgekehrt. Den Brutkasten hatte ich bestellt. Dann begann das Pochen!

  • Facebook
  • Twitter
  • RSS
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • MySpace
  • email
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • Tumblr
  • PDF